Politik : Stuttgarter Experiment

Die CDU im Südwesten fürchtet, auch den OB-Sessel zu verlieren. Ein Parteiloser soll das verhindern.

Roland Muschel[Stuttgart]
Der Berliner Werbeprofi Sebastian Turner gilt als Erfinder des selbstironischen Baden-Württemberg-Slogans: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“. Foto: Thomas Niedermüller/dpa
Der Berliner Werbeprofi Sebastian Turner gilt als Erfinder des selbstironischen Baden-Württemberg-Slogans: „Wir können alles....Foto: dpa

Sebastian Turner blickt ein wenig ungläubig. „Wahnsinn“, entfährt es seiner Frau Heidi Wittlinger, als der Abstimmungsergebnis bekannt gegeben wird: Die knapp 700 Stuttgarter CDU-Mitglieder im Waldaupark setzen mit überwältigender Zweidrittelmehrheit darauf, dass der parteilose Seiteneinsteiger Turner den Angriff der Grünen auf den Oberbürgermeisterposten in der Landeshauptstadt abwehren kann. Sie trauen das dem 45-Jährigen eher zu als ihrem Parteifreund, dem langjährigen OB von Singen und früheren Landessozialminister Andreas Renner (52). Der hatte mit seiner Verwaltungs- und Politikerfahrung und seiner 33-jährigen CDU-Mitgliedschaft geworben.

Seit 38 Jahren stellt die CDU den Oberbürgermeister von Stuttgart. Dass die Schwarzen bei der Wahl im Oktober, wenn Amtsinhaber Wolfgang Schuster (CDU) nicht mehr antritt, auf einen Parteilosen ohne Verwaltungserfahrung setzen, ist ein Experiment, auf das sich die CDU ohne den Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21 und ohne den Machtwechsel im Land vor einem Jahr kaum eingelassen hätte. Die Mehrheit der Mitglieder, glaubt CDU-Kreischef Stefan Kaufmann, sei am Ende einer strategischen Überlegung gefolgt: „Ein Parteiloser wie Sebastian Turner, der nicht wie ein typischer Politiker auftritt, ist für uns die Riesenchance, neue Wählerschichten zu erschließen.“ Es ist ein Argument, das Turner mit einer von ihm selbst finanzierten und kurz vor dem Duell gegen Renner veröffentlichten Forsa-Umfrage hat untermauern lassen. Danach wünschen sich 60 Prozent der Stuttgarter einen parteilosen OB.

Der Ex-Vorstandschef der Unternehmensberatung Scholz & Friends aus Berlin, der als Erfinder des selbstironischen Baden-Württemberg-Slogans („Wir können alles. Außer Hochdeutsch“) gilt, wirbt damit auch in seiner Rede vor der CDU-Basis. Er könne, sagt Turner, neben der schwarzen Stammklientel drei Wählergruppen für sich gewinnen: Erstens, die „bürgerlichen Sozialdemokraten“, die Arbeit und Sicherheit wollten. Zweitens, die „größte Partei, die Nichtwähler“, die sich für einen Kandidaten, der nicht aus dem Politikbetrieb stamme, erwärmen könnten. Schließlich „die interessantestes Gruppe: enttäuschte Grünen-Wähler“.

Für die schwarz-grüne Schnittmenge galt lange Renner als Angebot. 2005 hatte ihn der damalige Regierungschef Günther Oettinger in sein Kabinett geholt, um der CDU einen grüneren Anstrich zu verpassen. Das ist dann daran gescheitert, dass Renner wegen eines Disputs mit dem katholischen Bischof von Rottenburg, Gebhard Fürst, bald zurücktreten musste. Nun, da die Grünen das Land regieren und in Stuttgart stärkste Kraft im Gemeinderat sind, hatten sich Parteifreunde an Renner erinnert. Der 52-Jährige versucht an der Basis aber eher als Parteimann und Politprofi zu punkten – und mit Sticheleien gegen Werbeprofi Turner: „Wir verkaufen nicht heute Waschmittel und morgen Zahnpasta.“ Neue Sympathien gewinnt Renner damit nicht, wohl auch, weil er kurz vor der Kandidatenkür eine Geldauflage zahlen musste, um Ermittlungen wegen angeblichen Titelmissbrauchs zu beenden. Der beanstandete „Master of Governmental Management“ in einem Werbeblatt hat ihm viel Spott („Master of Desaster“) eingebracht. Bei der Entscheidung habe „die Master-Geschichte“ eine Rolle gespielt, „das ist doch ganz klar“, sagt Renner später.

Den Wahlkampf plant Turner unkonventionell. „Ich werde nicht morgen oder übermorgen ein Zehnpunktepapier vorlegen“, sagt er nach seiner Nominierung. Sein Kerngedanke sei „die Bürgerstadt, die nicht fragt: Wo kommst du her? Sie fragt: Machst du mit?“ Er wolle daher in Gesprächen mit den Bürgern Ideen für die Zukunft der Stadt sammeln und daraus sein Wahlprogramm entwickeln. Es klingt wie die schwarze Version der „Politik des Gehörtwerdens“, die sich Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf die Fahnen geschrieben hat.

Nicht nur deshalb steht Stuttgart ein interessanter Wahlkampf bevor. Turner muss sich nun gegen den Grünen-Kandidaten Fritz Kuhn (56) beweisen, der für seine Kampagne seinen Posten als Vize-Fraktionschef im Bundestag aufgibt. Die SPD will in den nächsten Tagen ebenfalls einen Kandidaten präsentieren. Auch der harte Kern der Stuttgart-21-Gegner überlegt, einen Bewerber ins Rennen zu schicken. Ihnen missfällt, dass nicht nur Turner, sondern auch Kuhn („Das Beste aus dem Schlechten machen“) den Bahnhofsstreit hinter sich lassen will. Für den Grünen wäre das misslich. Dafür kann er darauf bauen, dass sich die SPD und seine Partei diesmal darauf einigen, in einem wahrscheinlichen zweiten Wahlgang gemeinsam den Kandidaten aus ihren Reihen mit dem besseren Ergebnis zu unterstützen. Das war in der Vergangenheit nicht so. Daher rechnen sich die Grünen diesmal gute Chancen aus, erstmals den Chefsessel in der größten Stadt Baden-Württembergs zu erobern. Schützenhilfe bietet ihnen ausgerechnet Turners Umfrage: Danach liegt Kuhn derzeit in der Gunst der Stuttgarter vorn.

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