Politik : Suchen, beten, sonnen

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Es ist schwer, noch einen freien Platz auf der frisch gemähten Wiese des Messegeländes zu finden. Hauptsächlich junge Menschen liegen in der Sonne und genießen das schöne Wetter beim 30. Evangelischen Kirchentag in Hannover. Rucksäcke auf dem Rasen dienen als Kopfkissen für entspannte Kirchentagsbesucher. Ein junges Mädchen hat sich ihr grünes Pfadfindertuch mit der Aufschrift „Ich helfe“ um den Kopf gewickelt und lehnt mit geschlossenen Augen an einem Baum.

„Es ist angenehm, dass es hier so ruhig zugeht“, sagt Isabel Tölle. „Die großen Streitthemen findet man unter den jungen Leuten nicht. Wir sind einfach nett zueinander und genießen die Gemeinschaft“, betont die 21jährige Frankfurterin. Genau diese entspannte Atmosphäre verwundert Bernd Huber. Er ist Katholik, kommt aus Ansbach in Mittelfranken und hatte andere Erwartungen an diesen Kirchentag. „Ich dachte, jetzt, so kurz nach der Papstwahl, wäre Ratzinger und die Ökumene ein großes Thema in den Gesprächen, aber man hört fast gar nichts davon.“

Das Durchschnittsalter der Kirchentagsbesucher liegt bei 36 Jahren. Die meisten bestätigen, dass sie auf der Suche nach irgendetwas sind, dass sie hier Orientierungspunkte für ihr Leben bekommen wollen. Um die auf dem Kirchentag zu finden, muss man sich erst einmal durch das 600 Seiten dicke Programmheft durcharbeiten. Ein Rentner hat es sich mit seiner Frau zwischen den Jugendlichen auf zwei Campingstühlen bequem gemacht. „Wir haben stundenlang daran gearbeitet, uns ein passendes Programm zusammenzustellen“, so der Hannoveraner, „aber jetzt genießen wir erst mal die Sonne.“

Temperamentvoller geht es in Halle 16 zu. Auf den braunen Papphockern, die fast die ganze Halle ausfüllen, sitzen hauptsächlich ältere Menschen. „Wozu Kirche?“ lautet das Diskussionsthema. In der 20. Reihe sitzt eine Frau leicht nach vorne geneigt und applaudiert zwischendurch begeistert. Sabine Peschel ist in ihrer Gemeinde in Hamburg Kirchenvorsteherin. „Ich interessiere mich natürlich dafür, wie das so weitergeht mit unserem Land. Wir müssen der Jugend etwas bieten können und Antworten finden.“ Sie sei nach Hannover gekommen, weil ihr das Motto des Kirchentages am Herzen liege: „Wenn dein Kind dich morgen fragt“.

Während man sich auf der Bühne Gedanken macht, wie man die Kirchen wieder füllen und die Jugend anlocken kann, kaut ein langhaariger blonder Junge an seinem mitgebrachten Butterbrot. Der 19-Jährige kommt aus der Nähe von Weimar. Er wolle hier selber Antworten finden, erzählt er. „Natürlich ist es super, dass man auf dem Kirchentag auch feiern und entspannen kann. Ich aber suche in den gebotenen Diskussionen und spirituellen Veranstaltungen nach Anstößen für mein Leben als Christ.“ ddp

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