Politik : Sudans Präsident sieht eine Verschwörung

Baschir spricht von 9000 statt 200 000 Toten in Darfur / Ärzte ohne Grenzen: Auch Helfer werden Opfer

David Byers

Berlin - Große Teile der sudanesischen Krisenregion Darfur sind für Hilfsorganisationen so gefährlich geworden, dass sie nur noch einem Bruchteil der Flüchtlinge helfen können. Die Sicherheitslage habe sich dramatisch verschlechtert, sagte Vincent Hoedt, der im vergangenen Jahr der Leiter des Einsatzes von Ärzte ohne Grenzen in Darfur war. Die Helfer werden zunehmend selbst Opfer von Angriffen.

Nach Hoedts Angaben wurden erst kürzlich 17 Mitarbeiter der Ärzte zusammengeschlagen. Sie vermuten, dass die Schläger mit den Reitermilizen, den Dschandschawid, verbündet waren. Allerdings sei es schwer, die Täter zu identifizieren, weil die Gefechtslage seit dem Abschluss eines Friedensvertrags noch unübersichtlicher geworden ist. Mehrere Rebellengruppen lehnen das Abkommen ab. Für die Zivilbevölkerung ist die Lage seither noch schwieriger geworden. Und auch für die Helfer wird die Lage prekär. „Darfur ist ein schwieriger Ort, um zu arbeiten. Wir haben mit einer Vielzahl von Problemen zu kämpfen. Neben der Gefahr von Angriffen gibt es ständig Überfälle und Drohungen.“ Die Zusammenarbeit mit den Behörden sei schwierig, weil die sudanesische Regierung den Ärzten großes Misstrauen entgegenbringe. Im Nordwesten Darfurs sei es inzwischen ganz unmöglich, noch zu helfen. Es sei einfach zu gefährlich geworden.

Der sudanesische Präsident Omar al Baschir fachte den Konflikt in einer Pressekonferenz über Video in der sudanesischen Botschaft in Berlin noch weiter an. Der Präsident sagte, die Zahl der Toten im Darfurkonflikt liege „unter 9000“. Im Gegensatz zu sämtlichen Hilfsorganisationen, die noch vor Ort sind, und den UN behauptete Baschir, das Friedensabkommen habe „die Sicherheit in Darfur erhöht“. Alle Nachrichten über eine Verschlechterung der Situation seien erfunden. „All das Gerede über einen Völkermord ist nichts als Gerede.“ Die Vereinten Nationen schätzen, dass seit dem Ausbruch des Konflikts vor drei Jahren mindestens 200 000 Menschen getötet worden sind.Vincent Hoedt hält Schätzungen von bis zu 400 000 nicht für übertrieben. „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass ungeheuer viele Menschen gestorben sein müssen“, sagte er.

Dagegen sagte Baschir am Montagabend, westliche Journalisten würden den Sudan in Kooperation mit ihren Regierungen angreifen, weil sie von den Konflikten im Irak und im Nahen Osten ablenken wollten. Er sprach von einer „Verschwörung einflussreicher Elemente“ gegen sein Land, die teilweise britisch, amerikanisch und israelisch gesteuert seien. Baschir wies Vorwürfe zurück, seine Regierung unterstütze die Dschandschawid und beschuldigte den Nachbarstaat Tschad, die Rebellen in Darfur mit Waffen zu unterstützen. Tschad seinerseits beschuldigt den Sudan, die Rebellen im eigenen Land zu unterstützen. Frankreich stockte seine Truppen in Tschad am Dienstag auf 1200 Mann auf, nachdem die Rebellen am Montag auf die Hauptstadt N’dschamena losmarschiert waren.

Die unsichere Lage in Tschad macht die Lage für die Flüchtlinge aus Darfur noch schwieriger, sagte Vincent Hoedt. Denn nun flüchteten zehntausende Menschen wieder zurück nach Darfur. Der Konflikt strahlt inzwischen auch auf einen weiteren Nachbarn, die Zentralafrikanische Republik, aus.

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