Politik : Sudetendeutsche Landsmannschaft: Die Wahlvertriebenen übernehmen das Ruder

Ludmila Rakusan

Mangelnde Einsicht, unnachgiebige Forderungen, Lust auf Revanche: Jahrzehnte lang hegte und pflegte das kommunistische Regime in der einstigen Tschechoslowakei dieses Gruselbild von der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) in der tschechischen Öffentlichkeit. Auch zehn Jahre nach der Wende hat man es kaum korrigiert. Die neue Meinungsfreiheit diente eher dazu, das alte Bild mit einem einzigen Namen zu verknüpfen: dem des scheidenden SL-Vorsitzenden und Sprechers der sudetendeutschen Volksgruppe Franz Neubauer. Der in Bayern geschätzte Politiker und Banker bekam dabei kaum Chancen, der breiten tschechischen Öffentlichkeit vorführen zu dürfen, dass er weder Hörner noch Pferdefuß besitzt. Denn abgesehen von einigen wohl versehentlichen Ausnahmen in der ersten Begeisterung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde Neubauer von der tschechischen Presse nicht minder gemieden wie von der tschechischen Politik.

Die Begründung, die man sich dafür in Tschechien zulegte, schien für den Hausgebrauch hieb- und stichfest zu sein: Die Landsmannschaft verkörpere keineswegs "die Sudetendeutschen", sondern lediglich "die ewig Gestrigen". Sobald dieser harte Kern der Funktionäre aus der Erlebnisgeneration das Zeitliche segnen werde, verschwände das lästige Problem mit Vertreibung, Heimatrecht und Wiedergutmachung gänzlich von der Oberfläche. Spätestens mit dem jetzigen Generationswechsel an der Spitze der Landsmannschaft wird man in Tschechien allerdings zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Trick mit der biologischen Lösung nicht funktionieren wird.

Zwar erlitt Johann Böhm, der neue Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe das Schicksal der Vertriebenen noch am eigenen Leib. Er wurde 1937 in Daßnitz bei Eger geboren. Die Volksschule allerdings beendete er bereits im Bayern. Später studierte er dort Jura, startete eine Karriere im Staatsdienst und wurde 1994 Präsident des Bayerischen Landtags. Der künftige Vorsitzende der Landsmannschaft Bernd Posselt kam sogar elf Jahre nach dem Krieg zur Welt. Aus Böhmen stammte lediglich sein Vater. Als junger Journalist engagierte sich Posselt in der Paneuropa-Union, gründete 1976 das Brüsewitz-Zentrum für verfolgte Christen in kommunistischen Staaten mit und wurde schließlich CSU-Abgeordneter des Europaparlaments. Sein besonderes Interesse gilt dort unter anderem der Ostpolitik, der EU-Erweiterung, den Nationalitätenproblemen und dem Volksgruppenrecht. An der Entschließung des Europäischen Parlaments vom April 1999, worin die Tschechische Republik aufgefordert wird, die mit der Vertreibung zusammenhängende Benes-Dekrete aufzuheben, hatte er "entscheidend mitgewirkt".

Bernd Posselt ist kein Einzelfall. Immer wieder engagieren sich junge Deutsche, die sich aufgrund elterlicher Herkunft oder aus eigenem Interesse heraus als Sudetendeutsche verstehen, in den Verbänden. So wächst längst eine sudetendeutsche Bekenntnisgeneration heran, die nicht besonders zahlreich, aber um so mehr entschlossen ist, sich Gehör zu verschaffen. Als Wahlvertriebene sind sie mit dem Vertriebenendasein und dessen geschichtlichen Zusammenhängen persönlich nicht belastet. Desto bedingungsloser können sie sich ihrem Kampf um das Prinzip verschreiben. Weltweite Ächtung der Vertreibung, Recht auf Heimat und Wiedergutmachung - wer kann dazu angesichts der Ausbrüche von ethnischem Hass mitten in Europa schon Nein sagen? Mit dem Wechsel an der Spitze der Sudetendeutschen Landsmannschaft könnte Prag mit einer Herausforderung konfrontiert werden, die mit der bisherigen Vogel-Strauß-Politik nicht mehr zu meistern ist.

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