Südafrika : Am Kap droht ein heißer Sommer

Erst rebellierten die Bergleute in Südafrika, jetzt die Farmarbeiter. Vieles deutet darauf hin, dass deren Krawalle vom ANC geschürt wurden.

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Foto: AFP

Steil fällt die Nationalstraße 1 aus der Hochebene der Karoo in das malerische Tal am Fuße der Hex-River-Berge. Soweit das Auge reicht nur Weinstöcke und kleine Dämme, unterbrochen von ein paar weißgetünchten Farmhäusern. Nirgendwo im südlichen Afrika werden mehr Tafeltrauben produziert als hier. Gepflückt werden sie im südafrikanischen Sommer zwischen Dezember und Februar – gleichzeitig die Hochsaison für den Tourismus im Land.

Umso größer war im gesamten Land der Schock, als die vermeintliche Idylle vor drei Wochen plötzlich zerbrach: Ohne Vorwarnung wurden im Hex River Tal um den kleinen Ort De Doorns Dutzende von Weinstöcken abgefackelt und Bewässerungsrohre aus den Feldern gerissen. Die N1 musste immer wieder gesperrt werden: Tausende randalierender Farmarbeiter blockierten tagelang die Hauptverkehrsader zwischen Johannesburg und Kapstadt mit Felsbrocken und brennenden Reifen, um ihrer Forderung nach einer Erhöhung des gesetzlich festgelegten Mindestlohns von 70 Rand auf 150 Rand (15 Euro) pro Tag Nachdruck zu verleihen.

In Windeseile breitete sich der Streik auf 16 weitere Ortschaften in der Provinz Westkap aus, darunter auch das pittoreske Swellendam, das von Kapstadt aus auf halbem Weg an der weltbekannten Garden Route liegt. In Ceres, dem Zentrum der Fruchtindustrie, fackelten die Streikenden Lagerhallen ab, in denen tausende Kisten von Exporttrauben auf die Verschiffung nach Europa warteten. „Es sah zeitweise wie in einer Kriegszone aus“, sagt Maureen Neethling, deren kleiner Farmladen niedergebrannt wurde. Und Cornie Swarts, Präsident von Agri SA Western Cape, der Organisation der – weißen – Landwirte in der Region, sagt noch immer fassungslos „Wir dachten, dass jetzt die Revolution beginnt, die wir eigentlich 20 Jahre vorher erwartet hatten. Nie hätte ich eine solche Zerstörungsorgie erwartet.“

Bereits jetzt melden viele Fruchtfarmer Verluste in Millionenhöhe. Dutzende stehen vor dem Bankrott, weil ihre Versicherung bei Unruhen nicht zahlt. Allein bei Ronnie und Logie Thandroyen dürfte sich der Schaden auf fast eine Million Euro summieren. Ihr Betrieb Ceres Valley Fruit packt und vermarktet die Früchte für mehrere andere Farmen. Obwohl das Unternehmen alle gesetzlichen Auflagen erfüllt und vielen seiner 30 Arbeiter weit mehr als den Mindestlohn zahlt, haben Streikende den Betrieb niedergebrannt, selbst die neuen Möbel für die Angestellten und die gerade erst um das Firmengelände gepflanzten Bäume. Alles, was noch steht, ist das Gerippe einer Lagerhalle: „Es war wie ein Albtraum“, sagt die Farmersfrau. „Alles geschah in kurzer Zeit und direkt vor unseren Augen, ohne dass wir etwas machen konnten.“ Auch die nahe gelegene Sägemühle von Andries Hanekom ging in Flammen auf. Hier haben nun 60 Arbeiter den Job verloren. „Sie haben alles kurz und klein geschlagen und die Ausrüstung verbrannt“, klagt Karools Pedro, ein Farbiger, der hier als Lasterfahrer und Hausmeister arbeitete. Als die Feuerwehr anrückte, seien die Helfer mit Steinen beworfen worden und mussten fliehen. Auch die Polizei habe zu wenig Personal gehabt und nur zugeschaut.

Auf den ersten Blick scheinen die Streikenden, die offenbar ganz überwiegend saisonal angestellte Wanderarbeiter aus den Nachbarstaaten Lesotho und Simbabwe sind, einen guten Grund zu haben: Mit sieben Euro am Tag kann niemand vernünftig leben. Allerdings zeigen Recherchen der lokalen Zeitungen, dass der ganz überwiegende Teil der Farmer ihren Arbeitern freiwillig erheblich mehr zahlt – und anderweitig hilft: „Meine Nachbarn und ich zahlen weit über dem Mindestlohn und gewähren unseren Arbeitern freie Unterkunft, subventionierte Elektrizität und Arztbesuche, freien Transport sowie freie Kinderbetreuung“, sagt William Dicey von der Buchuland Farm in Ceres. „Klar gibt es auch unter uns schwarze Schafe, aber wir sind es einfach leid, immer nur als Ausbeuter zu gelten.“

In vieler Hinsicht erinnert der Streik der Arbeiter stark an die kaum minder wilden und gewalttätigen Streiks, die im August und September den Bergbau am Kap schwer erschütterten. Dabei waren allein auf einer Platinmine westlich von Johannesburg mehr als 40 Menschen ums Leben gekommen. Viele Beobachter sind deshalb auch überzeugt, dass es bei den Streiks längst um mehr als Geld geht – und die hohe Gewaltbereitschaft der Streikenden eine stark politische Komponente hat. Das Westkap ist die einzige der neun Provinzen, die nicht von dem von Jacob Zuma geführten Afrikanischen Nationalkongress (ANC), sondern der liberalen Demokratischen Allianz (DA) um Helen Zille regiert wird. Die streitbare Parteiführerin, die am Wochenende auf dem DA-Parteikongress unangefochten in ihrem Amt bestätigt wurde, ist für den von Korruption, Inkompetenz und Grabenkämpfen geprägten ANC zu einer echten Gefahr geworden, weil sie im Westkap zeigt, wie man vieles besser macht: Anders als in den vom ANC regierten Provinzen funktionieren im Westkap Verwaltung und Infrastruktur. Dies hat die Region zu einem Magneten für viele Schwarze aus der verheerend geführten Nachbarprovinz Ostkap, aber auch aus anderen afrikanischen Ländern gemacht.

Vieles deutet darauf hin, dass sich der ANC die mit dem Zuzug verbundenen sozialen Spannungen auf dem Land zunutze gemacht und den Unmut aktiv geschürt hat. So gratulierte Landwirtschaftsministerin Tina Joemat-Petterson den Streikenden in De Doorns, als sie ihnen zurief, sie hätten „Geschichte geschrieben“ und den Agrarsektor mit ihrer Aktion „auf ewig verändert“. Gleichzeitig versprach die ANC-Ministerin den Streikenden Straffreiheit für die von ihnen angerichteten Schäden und rief zum Durchhalten auf, weil die Farmer zur oppositionellen DA gehören würden und diese Partei im Westkap eine neue Apartheid errichten wolle. Weiter angeheizt wurden diese rassischen Ressentiments von ANC-Gewerkschaftsführer Tony Ehrenreich, aber auch von Marius Fransman, ANC-Führer im Westkap und stellvertretender südafrikanischer Außenminister. Beide beklagten mehrfach lautstark die angeblich gezahlten Hungerlöhne und schoben sie der Opposition in die Schuhe, obwohl die Mindestlöhne im ganzen Land gelten und Jahr für Jahr von einer Kommission festgelegt werden, die sich fest in Händen des ANC befindet.

Niemand kann derzeit sagen, ob sich die nun rassisch polarisierte Lage beruhigt oder abermals eskaliert, zumal der ANC auch noch einen internationalen Boykott der Weinproduzenten vom Kap fordert. Angeblich wollen die Konfliktparteien bis zum 4. Dezember eine Lösung finden. Allerdings dürfte dies angesichts der vertrackten Lage unmöglich sein.

Kein Wunder, dass sich die Farmer der Region längst für neue Unruhen wappnen: In De Doorns und Ceres haben viele bewaffnete Wachleute angeheuert und kugelsichere Westen geordert, nachdem Gewerkschaftsführer Ehrenreich wieder einmal dunkel von einem Krieg gegen die Farmer murmelt – und davon spricht, dass nun auch deren Blut fließen werde. Nur eines ist sicher: Wie schon bei den Minen wird es auch in diesem Konflikt keinen Gewinner geben. Viele der Farmer dürften bankrott- gehen, wenn die Ernte im Dezember ausfällt. Und Tausende von Farmarbeitern durch die angerichtete Zerstörung und den verstärkten Einsatz von Maschinen ihren Job verlieren.

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