Südafrika : Jenseits von Bibel und Gewehr

Der Mord an dem rechtsextremen Buren Eugène Terreblanche hat an ein früheres Südafrika erinnert. Ein Blick auf die Architekten der Apartheid, die Buren heute.

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Auf Ochsenwagen weg von den Briten. 10 000 Buren entzogen sich 1838 der englischen Kolonialherrschaft. -Foto: Art Publishers

Fast 50 Jahre lang hat die Welt mit der Volksgruppe der Buren die düstersten menschlichen Regungen verbunden. Mit geradezu prismatischer Klarheit bündelten sich in Südafrika unter der Apartheid all die Tragödien des 20. Jahrhunderts: koloniale Herrschaft, wirtschaftliche Ausbeutung und rassische Unterdrückung. Deutlicher als fast nirgendwo sonst waren Gut und Böse am Kap schwarz und weiß markiert.

Mit seinem Vollbart und seiner Khakiuniform verkörperte Eugène Terreblanche damals wie kein anderer das Bild des hässlichen Buren. Wie langlebig solche Klischees sein können, zeigt das enorme Medieninteresse an seinem gewaltsamen Tod vor zehn Tagen. Dabei vertrat der Führer der rechtsextremen „Afrikaner Weerstandsbeweging“ mit seinen rassistischen Ansichten stets nur eine kleine Minderheit unter den heute noch rund 2,5 Millionen Buren – und war in den letzten Jahren fast völlig von der politischen Bildfläche verschwunden.

Erst jetzt, wo die Buren im neuen Südafrika um ihr Überleben bangen, werden sie auch im Ausland als eine komplexe Volksgruppe mit einer vielschichtigen Identität wahrgenommen: mit einer tiefen Verbundenheit zu Afrika, aber auch starken Banden zu Europa; mit einer Geschichte als Unterdrückte und Unterdrücker; mit einem starken Freiheitswillen aber auch einem ausgeprägten Hang zur Gruppensolidarität wie der burische Historiker Hermann Giliomee in seiner richtungweisenden Biografie „The Afrikaners“ überzeugend nachweist.

Ein ausgeprägtes Nationalgefühl existierte freilich selbst lange Zeit nach der Besiedlung Südafrikas durch Jan van Riebeeck und die Holländisch-Ostindische Kompanie (VOC) 1652 lange nicht. Allenfalls gab es ein eher loses Gefühl der Zusammengehörigkeit, das vornehmlich auf der europäischen Herkunft und einer Geschichte der Eroberung gründete. Erst die Abschaffung der Sklaverei durch die 1806 ans Kap gekommenen Briten veränderte dies: 1838 machten sich rund 10 000 Siedler, die sogenannten Voortrekker, aus der Kap-Provinz auf, um vor der britischen Kolonialherrschaft nach Norden zu ziehen. Auf ihren Ochsenwagen führten sie in einer Holzkiste ihre beiden wichtigsten Ausrüstungsgegenstände mit – Bibel und Gewehr.

Jenseits von Oranje und Vaal meinten die Buren, ihr gelobtes Land gefunden zu haben und gründeten die Buren-Republiken Oranje-Freistaat und Transvaal. Hier wurden die Trekker zum weißen Stamm Afrikas – die Buren nennen sich selbst „Afrikaner“ (der deutsche Begriff Bure, „Bauer“ oder „Boer“ gilt in Südafrika als abwertend). Und hier entwickelten sie auch Afrikaans, die einzige weiße Sprache der Neuzeit, und eine einzigartige Form der Rassenpolitik: die Apartheid.

Die heutigen Buren sind Nachfahren von Menschen vor allem holländischer, französischer und deutscher Herkunft, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts vermischten. Die einstige Sklavensprache Afrikaans erhoben sie zum Kernstück des burischen Nationalismus und versuchten, sie mit einem Literaturkanon zu versehen. Auch die Geschichte wurde heroisiert: In den Vordergrund traten nun die vielfältigen Leiden der Voortrekker beim Zug ins Landesinnere – und ihr Versuch, sich unter „Wilden“ und „Heiden“ als ein besonderes Volk zu behaupten, wobei der mitgebrachte Calvinismus den ideologischen Unterbau lieferte.

Zum Kristallisationspunkt wurde neben dem Großen Treck dabei vor allem der Burenkrieg gegen die Engländer (1899–1902), als die zahlenmäßig weit unterlegenen Buren mit ihren archaischen Mausergewehren der britischen Weltmacht bei ihrer Expansion nach Norden lange Zeit erfolgreich trotzten. Terreblanche hat den Engländern nie vergeben, dass sie seine Vorfahren unter das koloniale Joch zwangen. So fehlten in kaum einer seiner Reden Verweise auf die Konzentrationslager im Burenkrieg, in denen rund 26 000 burische Frauen und Kinder, zumeist an Masern und Lungenentzündung, oft qualvoll starben.

Hatten Sklavenhaltung und fortgeschrittene Landnahme das Nationalgefühl der Buren geschärft, so wurde ihr langer Kampf gegen die britische Herrschaft zum zweiten Grundzug des burischen Nationalismus. Nachdem die Nationale Partei (NP) der Buren im Jahre 1948 die Macht von den Briten übernommen hatte, beseitigten die burischen Machthaber viele Symbole der englischen Kolonialherren, kappten die Bande zu Großbritannien und begannen eine rücksichtslose Kampagne, um die eigene Kontrolle über das ganze Land auszudehnen. Mit der Apartheid wurde dabei eine erheblich umfassendere Rassentrennung eingeführt, als es sie je zuvor in Südafrika gab.

Unter dem später ermordeten Premierminister Hendrik Verwoerd (1958–1966), der als Architekt der Apartheid gilt, erlebte die Rassentrennung ihren Höhepunkt. Verwoerd siedelte die Schwarzen in sogenannten „Homelands“ aus Weiß-Südafrika aus. Anders als zuvor wurde die Vormachtstellung der Buren auch nicht mehr biologisch gerechtfertigt, sondern auf die Existenz völlig unterschiedlicher Nationen zurückgeführt.

Dass Südafrika und die Buren darüber zu Aussätzigen der Völkergemeinschaft wurden, lag daran, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem völligen Umschlag des Zeitgeistes kam – und die nach der Entkolonisierung Afrikas am Kap zurückgebliebene, weil tief verwurzelte weiße Minderheit die Europäer ständig an die Schrecken und Widersprüche der eigenen Kolonialherrschaft erinnerte. In einer Form der Selbsttherapie wurden Südafrika und die Buren vom Westen dabei fortan mit geradezu beispielloser Strenge für die weiterhin praktizierte Rassentrennung gegeißelt.

Doch schon in den siebziger Jahren wurde deutlich, dass die Apartheid von den ökonomischen und demografischen Realitäten in Südafrika zunehmend unterhöhlt wurde. Waren die Weißen zwischen 1700 und 1960 stets in der Lage gewesen, die strategischen Positionen im System zu besetzen, fehlten nun Facharbeiter, was ständige Anpassungen des Apartheidsystems erforderte. Verschärft wurde das Gefühl der Unsicherheit durch das Unvermögen der Regierung, die vielen Widersprüche, die durch den Abbau der Apartheid entstanden, mit einer neuen Ideologie zu füllen.

Frederik Willem de Klerk hatte schließlich den Mut, den Realitäten ins Auge zu sehen und das Apartheidgebäude einzureißen – in der Hoffnung, damit das Überleben seines Volkes zu retten. Gerade die Fähigkeit der Buren, sich neuen Gegebenheiten anzupassen und wie Nomaden in Zeiten der Not die Richtung zu ändern, ist ein Kennzeichen des burischen Nationalismus. Ein Blick auf die Geschichte Südafrikas zeigt, dass die Einschätzung des Buren als dickköpfig und starr zu kurz greift. „Die Buren sind als eine Siedlergesellschaft immer Kinder einer ungewissen, offenen Grenze gewesen", schreibt der politische Beobachter Ken Owen. „Ihre wichtigsten Institutionen – das Commando (die berittene Vorhut) und das Laager – sind ausgesprochen flexibel“.

Selten hat eine privilegierte Minderheit so schnell so viel politische Macht verloren wie die Buren mit der Aufgabe der Apartheid im Jahre 1994. Dieser Machtverlust hat sie weiter gespalten. Viele sind in den letzten Jahren vor dem immer stärkeren schwarzen Nationalismus in die innere Emigration geflohen – und haben sich nolens volens mit den neuen Gegebenheiten murrend arrangiert. Viele klagen heute über eine neue Form der Apartheid nur mit umgekehrtem Vorzeichen, bei der diesmal die schwarze Hautfarbe mehr als die Kompetenz des Einzelnen zählt.

Andere, zumeist jüngere und gut ausgebildete Buren, haben nun, da der gesamte Staatssektor den Schwarzen vorbehalten ist, in der Privatwirtschaft Karriere gemacht – oder ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Obwohl sie dabei wirtschaftlich erfolgreich sind, schauen viele auch aus Sorge um ihre Kinder skeptisch in die Zukunft. Eine kleine Gruppe kämpft noch immer, friedlich, für einen eigenen Volksstaat, doch stößt dieser schon dort an seine Grenzen, wo die Rechte anderer direkt berührt werden. So hat heute kein Gebiet in Südafrika eine weiße Mehrheit. Im Gegenteil: Seit dem Ende der Apartheid sind die Weißen von fünf auf wenig mehr als vier Millionen geschrumpft – und liegen damit heute erstmals unter zehn Prozent der Gesamtbevölkerung.

Es ist weniger die Angst, von der schwarzen Mehrheit physisch ausgelöscht oder vertrieben zu werden, als die Sorge, die Kontrolle über Schulen, Universitäten und andere kulturelle Institutionen zu verlieren – und mit ihnen die afrikaanse Sprache und eigene Identität.

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