Politik : Südafrika: Warten auf die Ernte

Martin Gehlen

Phowuisile Mkhizie lächelt. Mit stolzer Kopfbewegung weist die junge Frau auf ihr Maisfeld, das sie zusammen mit Mutter und Tochter bestellt. 30 Zentimeter höher sind die Stauden als nebenan. Grund sind die Bohnen. Letztes Jahr gesät wirken sie wie hochwertiger Dünger, weil sie Stickstoff aus der Luft im Erdreich binden können, erläutert die Bäuerin in blauem Rock und heller Bluse.

Ihr Wissen hat sie in einem Farmprojekt der katholischen Kirche erworben. Mit 137 anderen schwarzen Familien lebt sie auf dem etwa 3000 Hektar großen Farm-Areal St. Bernhards, 70 Kilometer von der Hafenstadt Durban entfernt, welches in Kirchenbesitz ist. Bis Anfang der neunziger Jahre zahlten die meisten noch eine geringe Pacht, nach dem Antritt der Regierung von Nelson Mandela hörten sie damit auf. Seit 1998 nun bereitet die Kirche die Gruppe auf die Selbstständigkeit als Kleinlandwirte vor, indem sie ihnen das Know-how für Pflanzenbau und Kleinviehzucht beibringt.

Das ist nicht einfach. Der Boden ist ausgelaugt, die Erträge niedrig, die fruchtbare Humusschicht durch ständige Erosion abgetragen. Nur wenige schwarze Landwirte können sich vom Ackerbau ernähren, meist arbeiten die Frauen auf den Feldern und die Männer suchen in den umliegenden Städtchen oder Großfarmen nach Arbeit. "Wenn uns die Farm erst einmal gehört, dann wird sich die Lage ändern", sagen sie optimistisch. Land sein Eigen zu nennen ist für diese Menschen, die jahrzehntelang in totaler Rechtlosigkeit gelebt haben, das ersehnte Ziel ihres Lebens. Wenn es ihnen erst einmal gehört, glauben sie, werden sich alle anderen Probleme schon irgendwie lösen.

Bislang war kommerzielle Agrartätigkeit in Südafrika auf die riesigen Farmen beschränkt. Endlose Felder mit Zuckerrohr ziehen sich entlang der Pazifik-Küste. Wälder mit schnell wachsenden Eukalyptus-Bäumen zur Papierherstellung erstrecken sich von hier aus bis in das benachbarte Mozambique. Was fehlt, ist das Know-how für kleine Bauern, erzählt Tropenlandwirt Peter Gilles, der an der Universität Kassel über die Milchviehhaltung in Lesotho promoviert hat und nun für drei Jahre in dem Kirchenprojekt als Entwicklungshelfer im Auftrag der katholischen Hilfsorganisation Misereor arbeitet. Er soll den schwarzen Farmerfamilien helfen, mit den Widrigkeiten des Bodens fertig zu werden und sich Marktlücken zu suchen, die nicht von den Großfarmen besetzt sind.

Mit solchen Projekten will die Kirche in Südafrika bei der Landreform den Vorreiter spielen. Etwa eine Million Hektar Land besitzt die Regierung in Pretoria, die Kirche hat etwa 70 000 Hektar. Doch die dringend notwendige Umverteilung des Bodens kommt nicht voran. "Die Regierung sollte mehr tun und schneller handeln", kritisiert der Kardinal von Durban, Wilfrid Fox Napier. Die Landrückgabe an die schwarze Bevölkerung sei ein Schritt fundamentaler Gerechtigkeit. Sonst könnten auch in Südafrika bald Verhältnisse entstehen wie in Simbabwe, fürchtet der Kirchenführer.

Im Nachbarland Simbabwe herrscht die schwarze Mehrheit bereits 14 Jahre länger - seit 1980. Damals besaßen 4000 bis 5000 weiße Farmer etwa 70 Prozent des fruchtbaren Landes. Doch eine Agrarreform, um die ungerechte Landverteilung zu korregieren, brachte die neue Regierung nicht zu Stande. Es fehlten die Mittel und der politische Wille. Während sich Parteileute und Bürokraten aus den Städten Farmland unter den Nagel rissen, ging die bedürftige Dorfbevölkerung weitgehend leer aus. Zwanzig Jahre schob Staatschef Robert Mugabe das Thema vor sich her, magere 72 000 schwarze Familien bekamen eine eigene Scholle zugewiesen. Jetzt will der Präsident das Ganze im Eilverfahren durchziehen, weil er hofft, dadurch seine schwindende Popularität aufpolieren zu können. Im Frühjahr 2000 setzte er seine Kriegsveteranen in Gang, die zusammen mit arbeitslosen schwarzen Jugendlichen weiße Großfarmen zu besetzen begannen. Viele Besitzer wurden enteignet, einige ermordet, die schwarzen Farmarbeiterfamilien verprügelt und vertrieben, Vieh geschlachtet, Höfe angesteckt und das Land für Kleinbauern parzelliert.

Die schwarzen Neusiedler jedoch sind auf ihre neue Existenz genauso wenig vorbereitet wie in Südafrika. Anders als im Nachbarland gibt noch nicht einmal Ansätze für Hilfsprogramme. Die Leute werden einfach auf dem Gelände abgesetzt und sich selbst überlassen, berichtet der Oppositionsabgeordnete Mike Auret. Es fehlt ihnen an Geld, Geräten, Wissen, Saatgut und Wasser. Die Staatskasse ist leer, die Aussaat bleibt liegen. Rechtlosigkeit, Terror und Willkür greifen um sich, das politische und ökonomische Chaos wird immer größer.

Wer kann, egal ob weiß oder schwarz, wandert aus - mehr als zehn Prozent der 13 Millionen Simbabwer haben in den letzten Jahren ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Die Ernte wird in diesem Jahr zum ersten Mal in der Geschichte Simbabwes so niedrig ausfallen, dass die Hilfsorganisationen mit einer Hungersnot rechnen. "Das Ganze läuft völlig aus dem Ruder", sagt Mike Auret. "Wir erleben die gefährlichste Lage seit 1980."

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