• Südamerikas Ein-Mann-Show: "Aló, Presidente" - Venezuelas Präsident Chávez polarisiert sein Land

Südamerikas Ein-Mann-Show : "Aló, Presidente" - Venezuelas Präsident Chávez polarisiert sein Land

In einer wöchentlichen TV-Show erklärt Präsident Hugo Chávez seinem Volk die Bedeutung von Ölpipelines und einem neuen Sozialismus für Südamerika - mit zweifelhaftem Erfolg.

Georg Ismar
Chavez Venezuela
"Fernsehstar": Hugo Chávez liebt die Nähe zu Venezuelas Bürgern. -Foto: AFP

CaracasDer Sozialismus des 21. Jahrhunderts findet sich in Venezuela vor allem an der Tankstelle. Das Benzin schießt durch den schwarzen Gummischlauch und schwappt in den nimmersatten Tank des mintgrünen Chevrolet. Die Digitalanzeige der Zapfsäule rattert und rattert und bleibt nach knapp 60 Litern bei 6000 Bolivares stehen - das sind zwei Euro. Sprit war in dem südamerikanischen Land schon immer fast billiger als Wasser. Präsident Hugo Chávez stellt das allerdings auch ganz gern als eine der Wohltaten hin, die ihm die Zustimmung des Volkes zu seinem sozialistischen Regierungsprogramm sichern sollen.

Das Land ist laut einer aktuellen Esso-Studie der siebtwichtigste Erdölproduzent weltweit. Knapp 50 Prozent der Staatseinnahmen sind dem schwarzen Gold zu verdanken. Der Ölreichtum ist der Treibstoff für Chávez' Bolivarianische Revolution, seine Verwirklichung der Visionen des südamerikanischen Freiheitshelden Simón Bolívar. Während dieser die Spanier vertrieb und Südamerika die Unabhängigkeit brachte, träumt Chávez von einer Befreiung vom starken Einfluss der USA und von einem neuartigen Sozialismus in Südamerika mit Venezuela als führendem Akteur. Kubas stotternden Revolutionsmotor hält er mit spottbilligen Öllieferungen am Laufen. Seine "Achse der Guten" umfasst außerhalb Lateinamerikas auch Länder wie Nordkorea und Iran, zwei der größten Feinde der USA. Und bei einem Besuch bei Weissrusslands Diktator Alexander Lukaschenko kündigte Chávez eine "strategische Allianz zur Rettung der Welt" an.

Sonntagspredigt: Die Hugo-Show erklärt die Welt

Sonntags ist Hugo-Show. Sechs bis acht Stunden redet Chávez in seiner TV-Sendung "Aló, Presidente". Der seit 1999 - mit einer kurzen Unterbrechung 2002 - amtierende Präsident sitzt im palmenumsäumten Garten einer Maismehlfabrik in Urachiche. Im Stile eines Erdkundelehrers zeigt der 53-Jährige Landkarten, fährt mit einem Kugelschreiber über dieselben und erklärt, wo neue Ölpipelines gebaut werden sollen.

Mit einer 8000 Kilometer langen Ölleitung durch Südamerika möchte er die Integration in dem Kontinent vorantreiben und ein ökonomisches Gegengewicht zu den USA schaffen. Mit Hilfe der unter der Federführung Venezuelas gegründeten multinationalen Energiegemeinschaften Petrosur und Petrocaribe soll eine Rohstoffgemeinschaft auf dem Kontinent entstehen. Im Verbund mit anderen Ländern der Region hat Chávez bereits den TV-Sender Telesur als südamerikanische Konkurrenz zur nordamerikanischen CNN gegründet.

Sozialismus durch Kapitalismus? Erdölexporte in die kritisierten USA

Und Chávez' neuestes Kind ist die Banco del Sur (Bank des Südens) - ein linkes Gegenstück zur Washingtoner Weltbank, die zinsgünstige Kredite an Länder der Region vergeben soll. Sieben Staaten beteiligen sich an dem Projekt. Chávez hatte wiederholt die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds als Instrumente des Imperialismus gegeißelt. Im Fokus seiner Kritik dabei immer wieder der große Bruder im Norden, die Vereinigten Staaten. Dass allein 2006 zwei Drittel der Erdölexporte in die USA gingen, wird von Chávez gerne verschwiegen.

"Die reale Demokratie wird nur durch den Sozialismus verwirklicht, im Kapitalismus gibt es hingegen keine Demokratie, das ist eine Lüge", sagt der Mann im knallroten Hemd, dem offiziellen "Trikot" der Revolution, in seiner Sonntagssendung. Dann fragt er eine Genossin im Publikum, in welcher Fabrik sie arbeite, was ihre Rolle in der sozialistischen Revolution sei. Oberlehrerhaft macht er sich mit einem bordeauxfarbenen Bleistift Notizen. Zu guter Letzt stimmt er ein Lied an: "Patria, patria, patria querida, tu eres mi amor" - "Vaterland, Vaterland, Vaterland geliebtes, du bist meine Liebe".

Über den Bildschirm will der Präsident die Menschen erreichen

Knapp 300 Mal ist die wöchentliche Ein-Mann-Sendung bereits gelaufen. "Ich möchte damit eine Brücke zum Volk bauen", sagt Hugo Chávez. "Wer wissen will, womit er uns als nächstes überrascht, sollte "Aló, Presidente" einschalten", meint ein Zuschauer in einer Bar in Caracas, wo gerade die Sendung läuft. Im August verkündete der Präsident zur Überraschung aller in "Aló, Presidente", dass ab 1. Januar 2008 die Uhren um eine halbe Stunde vorgestellt werden sollen, da dies den Stoffwechsel und die Leistungsfähigkeit fördere. Mit der neuen Zeit wird Venezuela statt fünf nur noch viereinhalb Stunden hinter der Mitteleuropäischen Zeit liegen.

 Viele Venezolaner tun die präsidiale TV-Sendung als "Clowns- Theater" ab, sie sparen Dollars, um das Land verlassen zu können. Bertha Nuñez hingegen liebt "Aló, Presidente". Es gebe keinen besseren als unseren Präsidenten, sagt sie. Eingekleidet in ein zu langes rotes T-Shirt mit einem Chávez-Konterfei und dem Schriftzug "Folge der Revolution mit Chávez", fegt sie die Plaza Bolívar im Herzen der Hauptstadt Caracas. Sie gehört zur "Brigade 1. Mai" und wienert im Schatten der Reiterstatue Simón Bolívars detailverliebt den Asphalt. Seit einem Jahr und vier Monaten hat sie diese Arbeit in der Stadtreinigung. 440.000 Bolivares, rund 150 Euro, hat Frau Nuñez pro Monat in der Lohntüte. "Nicht viel, aber vorher hatte ich fast gar nichts", sagt die 58-Jährige.

Mit ihren ausgelatschten Ledersandalen an den Füßen sowie Kehrschaufel und Besen in den Händen sieht sie ärmlich und stolz zugleich aus. "Wir zählen wieder was", sagt sie. Durch den Austausch von Lehrern und Ärzten gegen Öl seien tausende Kubaner nach Venezuela gekommen, die gerade in den Armenvierteln den Menschen das ABC beibringen und die medizinische Grundversorgung verbessern. Es gehe nicht darum, alles zu verstaatlichen, sondern nur die Gewinne der Schlüsselindustrien zum Wohl des Volkes einzusetzen und den Armen mehr Rechte zu geben.

Schwarz-Weiß-Malerei: Hugo Chávez lässt wenig Platz für Zwischentöne

 Venezuela sei keine Diktatur, wie das Ausland gerne behaupte, sagt die Frau mit den blondgetönten Haaren, die unter ihrer roten Kappe hervorschauen. Nein, gerade in den ärmeren Wohnvierteln hätten sich überall Komitees gebildet, die mitbestimmen und mit der Politik gemeinsam Projekte zur Verbesserung der Wohnsituation erarbeiten. Das Volk würde seit langer Zeit endlich wieder gehört. "Erzählt das mal dem Herrn (George W.) Bush, was hier passiert. Der sollte sich ein Beispiel daran nehmen", sagt ihr Kollege mit einem Seitenhieb auf den amerikanischen Präsidenten.

Menschen wie Bertha Nuñez gibt es millionenfach im "neuen" Venezuela, die Armen sind Chávez' Bastion. Arm gegen Reich, Sozialismus gegen Kapitalismus, Süd gegen Nord - die Konfliktlinien sind klar und doch nicht einfach zu verstehen. Anders als im sozialistischen Kuba, wo Freiheit und Demokratie längst Fremdwörter geworden sind, gibt es hier noch freie Wahlen und auch Fernsehsender, die Opposition gegen Chávez machen und Zeitungen, die gegen den Präsidenten anschreiben. Aber der zieht bereits die Zügel an, zuletzt wurde die Lizenz des oppositionellen TV-Sender RCTV nicht verlängert. Und mit der geplanten Verfassungsreform will Chávez seine unbegrenzte Wiederwahlmöglichkeit sichern.

Keiner weiß, wie groß letztlich die Opposition ist. Nach dem gescheiterten Putsch 2002 gegen Hugo Chávez und dem Boykott der Wahlen 2005 ist die Front der Gegner geschwächt. Aber zahllose Graffiti in den Straßen, auf denen unter anderem "Chávez: Verräter" und "Nieder mit der Korruption" zu lesen ist, zeugen davon, dass das Land polarisiert ist.

"Nehmt den Verrückten mit nach Europa."

"Der Mann ist unser Unglück", tuschelt eine alte Dame in einem völlig überfüllten Stadtbus in Caracas, als sie sein Bild auf dem Titel einer Zeitung sieht. "Die Stadt ist heute gefährlicher als Bagdad, wir haben pro Tag mehr Morde hier, er kümmert sich überhaupt nicht um die innere Sicherheit." Ein anderer sagt: "Wenn noch Platz im Koffer ist, nehmt den Verrückten mit nach Europa." Ihre Namen wollen sie nicht nennen.

Ivan Castillo nennt zwar seinen Namen, ist aber ein Wolf im Schafspelz. Er ist Chauffeur im Grenzgebiet zwischen Maracaibo in Venezuela und Maicao in Kolumbien. Auf venezolanischer Seite stimmt er in seinem 29 Jahre alten, lilafarbenen Ford, der eigentlich nur noch ein fahrender Schrotthaufen ist, das Loblied auf Präsident Chávez an: "Er macht es wie (der kubanische Präsident) Fidel Castro, holt das Geld bei den Reichen, verstaatlicht wichtige Bereiche wie die Erdölindustrie und verteilt die Einnahmen an die Armen."

 Kaum ist die Grenze nach Kolumbien überquert, beugt sich der 82-Jährige vor und flüstert, damit es die anderen Passagiere nicht hören können: "Nach außen muss ich Chavista sein, sonst verliere ich meine Fahrerlizenz in der Kooperative." In Wahrheit sei unter Chávez aber alles schlimmer geworden, die Korruption und Gewalt habe stark zugenommen, das Volk sei gespalten und der Druck auf die Kritiker werde stärker.

Der neue Sozialismus soll im Detail erkennbar sein

Die Meinungen bewegen sich zwischen schwarz und weiß, gut und böse. Der offizielle Rückhalt zu seiner Politik ist groß, das einzige, was selbst bei Parteigängern auf Kritik stößt, ist die starke Subventionierung befreundeter Länder wie Kuba, Argentinien und Bolivien. Besonders sauer sind viele Venezolaner, dass mit heimischen Petro-Dollars nun ausgerechnet der Bus- und Bahn-Verkehr im reichen London subventioniert wird. Chávez vereinbarte mit dem Linkspolitiker und Londoner Bürgermeister Ken Livingstone, dass Venezuela 24 Millionen Dollar pro Jahr zahlt, damit den Bewohnern der britischen Hauptstadt mit einem geringen Einkommen die Hälfte des Fahrpreises erlassen werden kann.

Chávez ist - salopp formuliert - ein "Hans Dampf in allen Gassen". Es ist schwer, den Überblick über seine innen- wie außenpolitischen Aktivitäten zu behalten. Bis ins kleinste Detail versucht er seine Politik auch symbolisch sichtbar zu machen, was teilweise für Schmunzeln bei den Bürgern sorgt. Stück für Stück sind nun auf seinen Erlass hin tausende Nationalfahnen und Uniformen von Militär und Polizei ersetzt worden. Der Grund: Das Pferd im venezolanischen Staatswappen springt seit kurzem nach links. Bisher sprang der Gaul im Wappen nach rechts - nach Meinung des Präsidenten ein Unding auf dem Weg zum Sozialismus des 21. Jahrhunderts. (mit dpa)

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