Südossetien : "Sie haben uns erniedrigt"

Ein Jahr nach dem Krieg sind die Südosseten froh, ohne die Georgier zu leben – von der eigenen Regierung halten sie dennoch wenig.

Christian Weisflog[Zchinwali]

Nur ein gesicherter Weg führt derzeit nach Südossetien: vom russischen Wladikawkas in Nordossetien über den Kaukasusrücken. Die lange südossetische Grenze zum georgischen Kernland ist seit einem Jahr nur schwer zu passieren.

Rund vier Stunden dauert die kurvenreiche Fahrt an steilen Felshängen entlang und durch den 3,7 Kilometer langen Roki-Tunnel auf der Passhöhe. Am 8. August 2008 schickte Moskau seine Panzer durch dieses Nadelöhr nach Süden. Heute entscheidet der russische Inlandgeheimdienst FSB hier, wer in die separatistische Region hinein- oder aus ihr herausdarf.

Je näher die südossetische Hauptstadt Zchinwali rückt, desto sichtbarer werden die Spuren des Krieges. In den ehemals georgischen Enklaven nördlich der Stadt steht kaum ein Stein mehr auf dem anderen. Als die russische Armee den georgischen Angriff nach fünf Tagen zurückgeschlagen hatte, nahmen die Südosseten hier bittere Rache an der georgischen Zivilbevölkerung. Von den meist zweistöckigen Häusern blieben nur ausgebrannte Ruinen. Einzig die Traubenhaine und Pflaumenbäume zeugen noch vom einst guten Leben hier.

Mitgefühl mit den vertriebenen Georgiern verspüren die Südosseten nicht. „Ich habe selbst gesehen, wie georgische Soldaten Zivilisten umgebracht haben. Die Georgier tun mir nicht leid“, erzählt die südossetische Journalistin Irina Kelechsajewa. Der Hass auf die georgischen Enklaven hatte sich bereits vor dem Krieg angestaut. Wollten die Südosseten auf dem Weg nach Wladikawkas nicht einen großen Umweg in Kauf nehmen, mussten sie durch die georgischen Dörfer. „Die georgischen Kontrollposten haben uns dabei schikaniert und erniedrigt“, sagt die 36-jährige Kelechsajewa wütend.

Der Krieg war nicht Georgiens erster Versuch, die Kontrolle über das abtrünnige Südossetien gewaltsam zurückzuerobern. Nun scheint selbst eine friedliche Wiedervereinigung auf lange Sicht ausgeschlossen. Für die Südosseten gibt es nur noch zwei Varianten: die Unabhängigkeit oder der Anschluss an Russland. Auf Zchinwalis Straßen sind überall große Plakate zu sehen. Sie zeigen russische Panzerkolonnen, die von jubelnden Menschen in Südossetien empfangen werden. Darüber steht in großen Lettern „Danke, Russland!“.

Die Führung in Moskau hat Südossetien bislang als einzige Regierung der Welt vollständig als unabhängigen Staat anerkannt und garantiert mit knapp 2000 Soldaten für seine Sicherheit. Allein in diesem Jahr will Russland 11,5 Milliarden Rubel – mehr als 250 Millionen Euro – in den Wiederaufbau investieren. Mit russischem Geld werden Schulen und Kindergärten renoviert und eine Sportarena gebaut. Am Rande von Zchinwali entsteht derzeit ein „Moskauer Stadtquartier“. Die Siedlung mit insgesamt rund 190 schmucken Einfamilienhäusern, einer Schule, zwei Kindergärten und einem Einkaufszentrum ist ein Geschenk des Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow an die Stadt. Noch in diesem Herbst wird die Siedlung an die neue Pipeline angeschlossen, die in Kürze russisches Gas über den Kaukasus nach Südossetien bringen soll.

Ein großer Teil der russischen Hilfe versickert jedoch in dunklen Kanälen. Zerstörte oder ausgebrannte Häuser sind in Zchinwali immer noch auf Schritt und Tritt zu finden, Neubauten jedoch kaum. Um den vergangenen Winter zu überstehen, hatte Igor Zcharebow für seine fünfköpfige Familie eine kleine Wohnung gemietet. Jetzt im Sommer kampiert er mit den Angehörigen in seinem Garten. Vom Haus davor und dem kleinen Lebensmittelladen sind nur noch Schutt und ein paar verrostete Heizkörper übrig geblieben. Der nächste Winter naht, doch schnelle Hilfe erwartet Zcharebow von den Behörden nicht mehr. „Zuerst werden die Häuser der Familien aufgebaut, die Geld und Einfluss haben“, klagt der 43-Jährige. Notleidende Familien müssten hingegen hinten anstehen.

Das Schicksal der Zcharebows teilen viele Südosseten, weiß die Journalistin Kelechsajewa. Aus Wut über ihre Regierung hätte die Mehrheit der rund 50 000 Bürger die Parlamentswahlen Ende Mai zunächst boykottieren wollen. Schließlich seien sie aber doch zur Wahl gegangen – aus Dankbarkeit gegenüber Moskau: „Sie wollten die Wahlen nicht sabotieren, um Russland vor dem Westen nicht bloßzustellen“, erklärt Kelechsajewa.

Die Unterstützung für den südossetischen Präsidenten Eduard Kokoity ist seit dem Krieg stark gesunken. An der Ablehnung gegenüber der georgischen Politik ändert dies jedoch wenig – selbst für Tamara Burdschanadse nicht. Die 62-jährige Bäuerin mit dem schwarzen Kleid und Kopftuch ist selbst Georgierin, ihr Mann und somit auch ihre Kinder sind jedoch Osseten. Am 9. August, dem zweiten Kriegstag, wurde ihr 28-jähriger Sohn David im Kampf von Soldaten ihres eigenen georgischen Volkes getötet.

„Das war ein doppelter Schlag für mich“, erzählt Burdschanadse im Garten ihres kleinen Hauses, auf den grünen Hügeln westlich von Zchinwali. Unter anderem von hier aus startete die von den USA trainierte georgische Armee vor einem Jahr ihren Zangenangriff auf die südossetische Hauptstadt – wenige Minuten vor Mitternacht.

Die EU beschäftigt zurzeit eine Untersuchungskommission damit, die Ursachen des Krieges aufzuklären. Doch für die in Südossetien lebende Georgierin Burdschanadse gibt es keinen Zweifel daran, wer den Krieg begonnen hat: „Der georgische Präsident Michail Saakaschwili ist dafür verantwortlich. Man sollte ihn aufhängen“, meint Burdschanadse mit bitterer Stimme. Dann fügt sie zornig hinzu: „Er hat einen großen Punkt zwischen die Georgier und die Osseten gesetzt.“

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