Südostasien : Atomkraft, ja bitte

In Südostasien hat die Hälfte der Staaten Kernkraftpläne. Kritiker weisen auf die Erdbebengefahr hin.

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

In Südostasien hat die Kernkraft Konjunktur. Gleich in fünf Ländern in der Region war in der jüngsten Vergangenheit ein Bekenntnis zur Atomkraft zu hören. Beispiel Indonesien: „Wegen unserer Elektrizitätskrise müssen wir jetzt mit der Entwicklung eines Kernkraftwerkes beginnen.“ Der Mann, der dies sagt, ist immerhin Präsident Susilo Bambang Yudhoyono. Sein Land hat drei Forschungsreaktoren und will kommendes Jahr mit dem Bau eines 2000-Megawatt-Atomkraftwerks beginnen. Zwei Firmen unterzeichneten am Dienstag einen entsprechenden Vorvertrag. Beispiel Vietnam: „Wir planen bis 2015, unser erstes Kernkraftwerk zu bauen“, gibt Ta Van Huong bekannt, Generaldirektor im Industrieministerium. Beispiel Malaysia: „In zehn Jahren müssten wir über Kernkraft nachdenken“, kündigt Energieminister Lim Keng Yaik an. In Thailand stellt Kraisi Kanasuta, der Chef der Elektrizitätsbehörde, fest: „Wir kommen nicht daran vorbei, ein Kernkraftwerk zu bauen.“ Und in Birma erklärt ein Außenamtssprecher: „Wir haben die Internationale Atomenergiebehörde über unsere Absicht informiert, einen Reaktor für friedliche Zwecke zu bauen.“

In Südostasien, wo 500 Millionen Menschen für Wirtschaftswachstum und Energiehunger sorgen, hat jeder zweite Staat Kernkraftpläne. „Wir sehen eine nukleare Renaissance“, meint Sergey Schmatko, der Präsident der russischen Kernkraftfirma Atomstroy-Export. Das Unternehmen hat Kernkraftwerke oder Forschungsreaktoren in Osteuropa, Indien, dem Iran sowie China gebaut und will das nun auch in Südostasien tun. Atomstroy-Export verhandelt mit Malaysia, kooperiert schon lange mit Vietnam und verabredete vor zwei Monaten mit Birmas Militärdiktatur den Bau eines nuklearen Leichtwasserreaktors.

Südostasiens Nuklearpläne riefen bislang kaum internationale Bedenken hervor. Alle Länder des südostasiatischen Staatenbundes Asean hatten ihre Region bereits 1995 zur atomwaffenfreien Zone erklärt. Sie verpflichteten sich, friedliche Nuklearprogramme nur zusammen mit der Internationalen Atomenergiebehörde zu entwickeln.

In Indonesien formiert sich dennoch eine laute Anti-Atom-Bewegung, die auf eine hohe Erdbebengefahr im Land hinweist. Aktivisten nennen das Beispiel Japans, wo Mitte des Monats einem Beben 50 Akw-Fehlfunktionen folgten. Dies brachte auch Indonesiens Vizepräsidenten Jusuf Kalla ins Grübeln. „Vielleicht sollten wir noch ein oder zwei Generationen warten, bis die Technologie sicherer ist“, sagte Kalla dem Tagesspiegel.

Erdbebengefahr hatte Mitte der 80er Jahre auch für die größte Akw-Pleite der Region gesorgt. Der philippinische Diktator Ferdinand Marcos ließ nördlich von Manila ein Kernkraftwerk bauen, das bis heute einzige in Südostasien. Kurz nach Fertigstellung stürzte das Volk General Marcos. Internationale Inspekteure stellten fest, dass das Kraftwerk nicht sicher sei, weil es auf einer Erdbebenlinie errichtet worden sei. Es ging nie ans Netz und steht bis heute samt Reaktor intakt, aber nutzlos herum.

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