Politik : Südostasien: Ein paar Dollar als Lohn für eine brennende Kirche

Michael Streck

Die Rebellen in der indonesischen Provinz Aceh haben der Gewalt abgeschworen. Sie wollen künftig mit politischen Mitteln für die Unabhängigkeit der abtrünnigen Provinz eintreten, ist aus Indonesien zu hören. Das ist zweifellos eine gute Nachricht aus dem krisengeschüttelten Land, das jüngst erst wieder wegen blutiger Anschläge auf christliche Kirchen in die Schlagzeilen geriet. Sie kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 1997 in ganz Südostasien ethnische und religiöse Spannungen zugenommen haben.

Als Drahtzieher der tötlichen Bombenanschläge Ende Dezember in Indonesien werden Anhänger des abgedankten Diktators Suahrto oder radikal islamische Gruppen vermutet. Auch in Manila kamen bei fünf Bombenanschlägen vor zwei Wochen 14 Menschen ums Leben - und auch hier könnten moslemische Terrorgruppen am Werk gewesen sein. Vermutet wird aber auch, dass Gegner des philippinischen Präsidenten Joseph Estrada, gegen den ein Amtsenthebungsverfahren wegen Korruption läuft, hinter den Anschlägen stecken.

Indonesiens Präsident Abdurrahman Wahid warnte, seine politischen Widersacher versuchten, religiöse und kulturelle Unterschiede in der Bevölkerung auszunutzen, um eigene Interessen durchzusetzen. Eine erhebliche Gefahr geht von radikalen moslemischen Jugendorganisationen aus, die wachsenden Zulauf haben. Auf den Philippinen kämpfen muslimische Separatisten im Süden des Inselstaates für die Unabhängigkeit einiger Provinzen. Die Regierung hat die Aufständischen in den vergangenen Monaten mit groß angelegten Militäroperationen zwar erfolgreich zurückgedrängt. Doch der Preis sind Hunderttausende von Flüchtlingen - neuer sozialer und politischer Sprengstoff, da sich die Regierung in Manila kaum um deren Schicksal kümmert. Auch in Malaysia wachsen die Spannungen zwischen moderaten und fundamentalen Kräften in der mehrheitlich muslimisch-malaischen Gesellschaft. Hier sind islamische Organisationen zum Sprachrohr des Volkes geworden, die die Unzufriedenheit mit der herrschenden Elite zum Ausdruck bringen. Die Regierung in Kuala Lumpur sah sich veranlasst, die Gesetze für die innere Sicherheit zu verschärfen, um religiöse Extremisten besser kontrollieren zu können.

Selbst im Stadtstaat Singapur, der lange als Bastion kultureller Toleranz zwischen Chinesen, Malaien und Indern galt, gärt es. Hier fühlt sich die muslimische Minderheit benachteiligt, vertraut nicht mehr auf den Schutz durch die Regierung und organisiert eigene Bürgerwehren. Längst schrecken die Konflikte auch ausländische Investoren ab und lähmen die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Der Aufschwung in den Jahren vor der Asienkrise hatte geholfen, die Spannungen zwischen unterschiedlichen ethnischen und religösen Gruppen abzubauen. Die steigende Armut ist nun ein idealer Nährboden, um sozialen Neid und Vorurteile auszunutzen und für politische Zwecke zu missbrauchen. Für ein paar Dollar findet man in Indonesien immer jemanden, der eine Kirche anzündet oder Geschäfte plündert.

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