Politik : "Sündenfall der Intellektuellen": Kalte Kriege

Hermann Rudolph

Durch das Jahrhundert, das nun, eben erst, vergangen ist, ging ein Riss. Zumindest für ein paar Jahrzehnte war er in dramatischer Weise sichtbar - eine Frontlinie, an der sich die Geister schieden, und mit ihnen, nach ihnen die Staaten und Gesellschaften, Familien und Freunde. Vermutlich muss man schon in die Jahrhunderte zurückgehen, in denen - wie in Renaissance und Reformation oder während der großen Religionskriege - Meinungen und Einstellungen über Sein und Nicht-Sein der Menschen entschieden, um auf eine Zeit zu stoßen, in der intellektuelle Diskussionen, Diskussionen unter Intellektuellen einen vergleichbaren Rang hatten. Die Rede ist vom Kommunismus und den Auseinandersetzungen, die er unter den europäischen Intellektuellen auslöste. Es waren kalte Kriege, aber sie wurden mit aller Härte geführt, es gab Opfer und Überlebende, und gelegentlich wurde dabei auch gestorben.

Es ist die Geschichte von der politischen Verführbarkeit vieler Intellektuellen, von den fatalen Folgen des Bedürfnisses nach der Hingabe an eine Idee, aber eben auch von dem Widerstand, der sich aus diesen Verstrickungen befreite und ein rettendes Ufer gewann. Diese Geschichte, die gelegentlich Züge einer Skandalaffäre trug, aber doch auch ein Heldenlied war, hat Ulrike Ackermann zum Thema eines Buches gemacht, das dieses bedeutende Kapitel der Nachkriegsgeschichte knapp und materialreich in Erinnerung ruft.

Im Zentrum des Buches steht der Kongress für kulturelle Freiheit, in dem sich eine große Schar von Intellektuellen - oft gebrannte Kinder - inmitten der Zuspitzung des Ost-West-Konflikts organisierte. Es war die Zeit, in der die Frage nach der richtigen politischen Ordnung für viele zum intellektuellen und moralischen Ernstfall wurde, und Intellektuelle wichtig waren, weil sie einen wichtigen Beitrag zu ihrer Beantwortung leisteten. Damals, so schrieb Raymond Aron, der dabei war, "lieferten wir eine echte Schlacht, bei der es um Geist und Herzen der Menschen ging".

Das ist lange her, ein halbes Jahrhundert lag die Berliner Gründungskonferenz des Kongresses im vergangenen Jahr zurück. Es ist das Verdienst von Ulrike Ackermann, dass sie diesem denkwürdigen Ereignis in der intellektuellen Geschichte der westlichen Welt nicht nur den längst überfälligen Gedenk-Kranz widmet, sondern es einfügt in den Kontext der Nachkriegszeit. Von ihm her ortet sie einen roten Faden des anti-totalitären Denkens, der sich durch das Europa der Nachkriegszeit zieht, manchmal sichtbar, öfters auch verdeckt. Der Kongress und die Fronten, die er abbildete, sind - so ihre überzeugende These - ein Kristallisationspunkt in einem Prozess, der weiterwirkte, der sich in unterschiedlichen Auseinandersetzungen zurückmeldete, und von dem eine Spur schließlich zu den großen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen führte, die 1989 im Sturz des Kommunismus kulminierten.

Bereit zum Umdenken

Ulrike Ackermann verfolgt das Thema vor allem in Deutschland und Frankreich. In der Tat spiegelt sich in deren unterschiedlichen Kulturen die Nachkriegs-Geschichte von Fall und Selbstbesinnung der Intellektuellen in nachgerade idealtypischer, nämlich spiegelverkehrter Facon. Der französischen Bereitschaft zu Revisionen, die intellektuellen Positionen umstürzt und aufbricht, steht in Deutschland die Stabilität der Gesinnungslager gegenüber. Parade-Beispiele dafür sieht Ackermann einerseits in der großen Konversion von Intelligenz und öffentlicher Meinung, die die Veröffentlichung von Solschenizyns "Archipel Gulag" Mitte der siebziger Jahre in Frankreich auslöste, und von der her sie die Aufgeschlossenheit gegenüber den osteuropäischen Dissidenten-Bewegungen erklärt, andererseits in den deutschen Faschismus- und Totalitarismus-Debatten nebst ihren Folgen - vom Verhältnis gegenüber den osteuropäischen Diktaturen bis zum Jugoslawienkrieg.

Blinde Flecken

Spätestens hier wird deutlich, dass Ulrike Ackermanns Buch nicht nur eine große Materialsammlung ist, die einen halb-vergessenen Strang der Nachkriegsgeschichte vor dem Vergessen bewahren will, sondern auch durchaus politisch gemeint ist. Indem sie einen blinden Fleck unseres kollektiven Gedächtnisses anspricht, rückt sie die Lebenslügen des linken Segments im politischen Bewusstsein der Bundesrepublik in das Blickfeld.

Ihr Buch wirft die Frage auf, weshalb gerade in Deutschland das Kapitel, für das der Kongress steht, nachgerade versunken ist. Vermutlich sind es die 68er-Bewegung und ihre Mythisierung, die dazwischen liegen und die bundesrepublikanische Gegenwart der vergangenen drei Jahrzehnte davon so eklatant abschneiden.

Man kann lange darüber nachdenken, weshalb die intellektuelle Bundesrepublik sich bis zur Halbblindheit in die Friedensbewegung verstrickte, während in Polen im Aufbruch von Solidarnocs die Selbstbefreiung der europäischen Geschichte zu beobachten war, und weshalb die Wiedervereinigung dann so viel trotzige Ratlosigkeit erntete. Man wird zu Urteilen kommen, die für die Bundesrepublik nicht gerade schmeichelhaft sind. Man wird die Diagnose wagen können, dass ein Buch wie das von Ulrike Ackermann zumindest Besserung anzeigt.

Den intellektuellen Traditionsbestand, der da in Bundesrepublik verschüttet worden ist, bezeugt nichts anderes so präzis wie "Der Monat", die 1948 in Berlin gegründete Zeitschrift, an dessen Stamm der Kongress ja auch gewachsen ist. Vielleicht ist es kein Zufall, dass er schon 1971 eingestellt wurde und Wiederbelebungsversuche nur für begrenzte Zeit gelangen. Auch mag es zu denken gaben, dass die Reprint-Auferstehung, die manche andere Zeitschrift erlebte, am Monat vorbeiging. Um so mehr ist zu begrüßen, dass es nun wenigstens einen Auswahl-Band von Monats-Beiträgen gibt.

Fast 600 Seiten aus vier Jahrzehnten sind, natürlich, nicht mehr als eine kleine Kostprobe, aber immerhin lässt sich von ihr sagen, dass sie zumindest den Geschmack dieser legendären Zeitschrift überliefert - nicht zuletzt auch deshalb, weil der Verlag die Beiträge im alten, schönen, zweispaltigen Schriftbild abdruckt und damit aus der Not der Druckkosten die Tugend der optischen Anmutung macht.

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