Politik : Sündhaft schlecht zu Ärzten

Studie kritisiert Kirchen als Klinikbetreiber

Rainer Woratschka

Berlin - Eigentlich müsste es gerade andersherum sein, sagt Frank Ulrich Montgomery. Von ihrem Anspruch her müssten kirchliche Krankenhäuser ihren Beschäftigten bessere Arbeitsbedingungen bieten als andere Klinikbetreiber. Tatsächlich aber versagten die Kirchen hier „ganz kläglich“, stellt der Chef der Klinikärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) fest. „In kirchlichen Kliniken müssen Ärzte noch länger arbeiten, erhalten noch weniger Geld und sind noch unzufriedener als in anderen Häusern.“

Den Beleg dafür liefert eine Umfrage des Instituts für Qualitätsmessung und Evaluation unter MB- Mitgliedern. So beklagen 66 Prozent der Ärzte in kirchlichen Kliniken, dass ihre Höchstarbeitsgrenzen nicht eingehalten werden. In Häusern mit MB-Tarifvertrag sind es 57 Prozent. Auch bei anderen Fragen schnitten konfessionelle Kliniken durchweg am schlechtesten ab: 42 Prozent der dort tätigen Ärzte kommen auf eine Wochenarbeitszeit zwischen 60 und 79 Stunden (in anderen Kliniken: 39 Prozent). Knapp 60 Prozent leisten verbotenerweise pro Monat fünf bis neun Bereitschaftsdienste. Bei ebenso vielen werden die Arbeitszeiten nicht systematisch erfasst. 96 Prozent der Kirchenärzte leisten wöchentlich mehr als 30 Überstunden, nur sechs Prozent der Mehrarbeit wird ihnen vergütet. Und 74 Prozent beklagen sich über familienunfreundliche Arbeitsbedingungen. Unter allen befragten Klinikärzten kritisieren dies nur 71 Prozent.

Die Kirchen verhielten sich teilweise „schlimmer als die übelsten Arbeitgeber“, sagt Montgomery. Dabei habe der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, sich noch beim Kirchentag im Juni für „gesundheitsverträgliche Arbeitsbedingungen“ starkgemacht, die „um der Menschenwürde willen zu fordern“ seien. Und der frühere Papst Johannes Paul II. habe betont, katholische Kliniken seien dazu da, „die Werte des Evangeliums widerzuspiegeln“.

Das Problem sei, dass sich die Kirchen den Gewerkschaften entziehen und auf eigene Regelungshoheit pochen könnten, klagt der Verbandschef. Dieser sogenannte „Dritte Weg“ gilt auch für die rund 720 konfessionellen Krankenhäuser, ein Drittel aller Kliniken in Deutschland. Wenn dieses Privileg aber zum Bruch des Arbeitsrechts missbraucht werde, müsse man dessen Berechtigung diskutieren, droht Montgomery. „Das darf kein illegaler Schutzraum werden.“ Seit einem Jahr suche man nun das Gespräch. „Alle Aufforderungen, mit uns über Arbeitsbedingungen zu reden, wurden vehement abgelehnt.“ Hinzu komme, dass immer mehr kirchliche Kliniken zum Lohndumping mit Leiharbeitsfirmen übergingen. „Frühkapitalistische Methoden im Namen des Herrn“ seien aber nicht zu akzeptieren.

Zwar könne man an kirchlichen Häusern keine Streiks organisieren, räumte der Verbandschef ein. Doch auch dort gebe es inzwischen Probleme, offene Stellen zu besetzen. Zur Jahreswende werde der Marburger Bund eine Broschüre für angehende Ärzte herausgeben. Darin werde dann „mit Sicherheit der Rat zu finden sein: ,Meidet kirchliche Krankenhäuser, denn dort werdet ihr ausgebeutet‘“. Rainer Woratschka

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