Suizid : Eines der letzten Tabus

Etwa 11.000 Menschen bringen sich in Deutschland jedes Jahr um – aber das Thema hat keinen Platz im öffentlichen Leben.

Wolfgang Prosinger
Suizid
An der Klippe. Selbstmord ist ein großes Tabuthema. -Foto: Nordic Images

Berlin - Warum die Aufregung? Wer sich in Deutschland das Leben nehmen will, der kann es doch ungehindert tun. So lautete eines der Argumente in der hitzigen Debatte um die Sterbehilfe, die Hamburgs früherer Justizsenator Roger Kusch kürzlich losgetreten hatte. Warum die Aufregung?

Es ist ein fatales Argument. Weil es auf der einen Seite richtig ist: Suizid wird nicht mit Strafe bedroht. Und weil es auf der anderen Seite die Debatte gerade dort abbricht, wo sie eigentlich beginnen sollte. Und die Selbsttötung in jenen Schweigebereich verweist, in dem sie immer noch verharrt. Der Suizid ist eines der letzten Tabuthemen der modernen Gesellschaft.

Dabei ist das Thema riesengroß. Jedes Jahr scheiden in Deutschland etwa 11 000 Menschen aus eigenem Willen aus dem Leben. 11 000 – das ist ungefähr die doppelte Zahl der Menschen, die jährlich im Straßenverkehr getötet werden. Zwar geht die Häufigkeit der Selbsttötungen – wohl wegen Fortschritten bei der Depressionsbehandlung – zurück, vor 25 Jahren waren es noch über 18 000, dennoch spricht diese Zahl eine dramatische Sprache.

11 000 Menschen jedes Jahr, die nicht mehr weiter wissen, die den letzten Ausweg aus dem Leben nehmen. Alle 47 Minuten einer. Opfer von Gewalttaten, von Katastrophen, Aidstote – alles kein Vergleich mit der Summe der Selbsttötungen. Eine schier unvorstellbare Zahl. Und beinahe genauso unvorstellbar ist, dass darüber so gut wie nicht gesprochen wird. 11000 Menschen in einem Land, in dem niemand Hunger leiden muss, in dem kein Krieg herrscht, in dem das Gesundheitssystem und die Gerichte leidlich funktionieren, in dem sich also das Leben im Großen und Ganzen ordentlich regeln lässt. Aber keiner schlägt Alarm, keiner nennt den Skandal einen Skandal. Eine öffentliche Debatte findet nicht statt, Zeitungen berichten nicht darüber - es sei denn, es handelt sich um Fälle besonderer Prominenz.

Dabei haben sehr viele Menschen in ihrem Umfeld damit zu tun. Denn die Zahl 11 000 ist ja die Zahl der vollzogenen Suizide. Unendlich viel größer ist die Summe der Versuche. Naturgemäß kann es hier nur Schätzungen geben, und diese Schätzungen gehen weit auseinander. Die vorsichtigsten von ihnen gehen davon aus, dass in den westeuropäischen Industriestaaten die Zahl der versuchten Selbsttötungen mindestens zehnmal so hoch ist wie die der vollendeten. Das wären dann etwa 110 000 pro Jahr in Deutschland, die Einwohnerzahl einer kleinen Großstadt also. Das amerikanische National Institute of Mental Health kommt zu einem noch viel erschreckenderen Ergebnis. Es schätzt, dass die Zahl der versuchten Selbsttötungen fünfzig Mal höher ist als die der gelungenen. Das wären dann etwa 550 000 Fälle, die Zahl einer halben Millionenstadt. Alle 57 Sekunden einer. Wenn man sich nun vergegenwärtigt, dass jede dieser Personen Verwandte, Bekannte, Freunde hat, dann summiert sich die Zahl der Menschen, die jedes Jahr mit einer Selbsttötung zu tun haben, auf mehrere Millionen.

Selbst wenn man annimmt, dass viele der Versuche, sich das Leben zu nehmen, eher Hilferufe sind, bleibt die Zahl noch immer unglaublich. Zumal auch jene Hilferufe Zeichen menschlicher Dramen sind. Oftmals scheitern die Versuche zur Selbsttötung auch an Unwissenheit. Immer wieder versuchen sich lebensmüde Menschen mit heute gebräuchlichen Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Das misslingt bei diesen Medikamenten in der Regel, man fällt in einen komatösen Schlaf, wacht dann aber wieder auf, manchmal nach Tagen. Auch Versuche mit Haus- oder Autoabgas führen meist nicht mehr ans Ziel, da deren Toxizität im Vergleich zu früheren Zeiten viel geringer geworden ist.

Deshalb sind Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, in aller Regel gezwungen, schmerzhafte, gewaltsame oder gar grausame Methoden zu wählen, die über den schrecklichen, sich selbst strafenden Tötungsakt hinaus auch noch andere Menschen betreffen. Drei bis vier Mal pro Tag erleben Lokomotivführer, wie Menschen vor die Züge springen. Ein guter Teil der Bahnverspätungen rührt daher. Auch das ist ein Tabuthema, über das nicht gesprochen wird.

Misslungene Suizidversuche führen überdies oft zu schweren gesundheitlichen Schädigungen für das ganze Leben. Und das bei Personen, die ohnehin unter starken Belastungen leiden, sonst hätten sie sich zur Tat ja nicht entschlossen. Traumatisierte Menschen werden erneut traumatisiert. Leber- und Nierenerkrankungen sind oft die Folge, nicht selten auch schwere Verstümmelungen. Und doch hat das Thema keinen Platz im öffentlichen Raum gefunden, es wird in den privaten abgedrängt, es wird beschwiegen und versteckt, niemand soll in Berührung damit geraten, als handelte es sich um eine ansteckende Krankheit.

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