Politik : „Super-Cop“ auf dem Weg in die Politik Sofia:Ex-Leibwächterwill Bürgermeister werden

Frank Stier[Sofia]

Mit seiner großen, muskulösen Statur, dem unbehaarten Charakterschädel und den leicht zusammengekniffenen Augen ähnelt Boiko Borissov äußerlich den schweren Jungs, denen er in den letzten Jahren auf den Fersen war. Als kompromissloser Verfolger der Mutri (Schläger) und Boretzi (Ringer), die ihren Reichtum durch Gastronomie, Glücksspiel, Drogenhandel und Zuhälterei erworben haben und mit abgedunkelten Limousinen zur Schau stellen, hat sich der bisherige Staatssekretär im bulgarischen Innenministerium den Ruf des unbestechlichen Bullen erworben. Regelmäßig erzielt der Generalleutnant die höchsten Zustimmungsraten aller Personen des öffentlichen Lebens Bulgariens. Auch international genießt er hohes Ansehen; für seinen Kampf gegen grenzüberschreitende organisierte Kriminalität in der Kooperation mit FBI und Europol hat ihm ein englisches Magazin den Ehrentitel „Super-Cop“ verliehen.

Seit den bulgarischen Kommunalwahlen im Herbst 2003 wurde immer wieder darüber spekuliert, ob und wenn ja wann der ehemalige Leibwächter Todor Schiwkovs seine Popularität nutzen würde, um auf eigene Rechnung in die Politik zu gehen. Nun hat Boiko Borissov seinen Hut in den politischen Ring geworfen und kandidiert für das Amt des Bürgermeisters der bulgarischen Hauptstadt Sofia, und dafür gibt es einen Grund. Die im August gebildete sozialistisch geführte Koalitionsregierung mit Zaristen und Türken hat eine grundlegende Umstrukturierung des Innenministeriums beschlossen und dem Staatssekretär die Verantwortung für die Verbrechensbekämpfung entzogen. Solch eine Degradierung wird ein Mann mit seinen Verdiensten und seinem Renommee nicht passiv hinnehmen. Borissov macht die Justizbehörden dafür verantwortlich, dass Bulgarien trotz der Null-Toleranz-Strategie seiner Polizei der organisierten Kriminalität nicht Herr werde und hält die immer wiederkehrende Kritik der Europäischen Union am laxen Umgang Bulgariens mit Korruption und organisierter Kriminalität für berechtigt. Nach einer Aufstellung bulgarischer Medien wurde von über sechzig Auftragsmorden in den letzten zehn Jahren kein einziger vollständig aufgeklärt. Im August wurde der zwielichtige „Businessman“ und Chef des Fußball-Erstligisten Lokomotive Plovdiv Georgi Iliev im Seebad Sonnenstrand von einem Scharfschützen mit einem einzigen Schuss ins Herz getötet und zuletzt traf es am 10. Oktober die in der Hierarchie der Zollbehörde an dritthöchster Stelle rangierende Beamtin Schinka Manova.

Ob ein Polizist der richtige Mann ist, die Probleme der Balkanmetropole zu lösen, ist zweifelhaft. Sofia wird nicht nur von Kriminalität heimgesucht, sondern hat in den Außenbezirken zuweilen auch mit unwetterbedingten Hochwassern zu kämpfen. Außerdem gilt es das undankbare Erbe des langjährigen Bürgermeisters Stefan Sofianski anzutreten: Er versprach den Bewohnern des Bezirks Suhodol einige Male zu oft, die dortige Mülldeponie zu schließen – aus Unmut haben diese schon zweimal die Zufahrtswege blockiert und Sofia im Müll versinken lassen.

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