Politik : "Super-Opa" soll Proteste der serbischen Opposition führen

Claudia Lepping

Er ist 80 Jahre alt und soll Serbiens Mann der Zukunft sein: Dragoslav Avramovic wurde jetzt vom Belgrader Oppositionsbündnis "Allianz für den Wandel" damit beauftragt, Konzept und Mannschaft aufzustellen, um Jugoslawiens Präsident Milosevic abzulösen. Von heute an wird er die Allianz mit einer neuen Reihe von Demonstrationen gegen den Diktator durch die Straßen Belgrads führen - über Wochen, falls nötig.

Der umworbene "Super-Opa" ist einer der populärsten Gestalten in Serbien. Bis 1996 ein "Ziehkind" von Milosevic, machte Avramovic diesem fortan nur Scherereien, als er die fatale Wirtschaftspolitik des Regimes anprangerte. Als ehemaliger Experte der Weltbank, der als jugoslawischer Nationalbankchef die während des Bosnienkrieges ins Uferlose steigende Inflation in seinem Land zurückschraubte, hat sein Wort Gewicht. Das weiß auch Präsident Milosevic, der sich relativ gelassen auf andere, wohl schwächere Gegner eingestellt hatte: Doch weder der frühere Belgrader Bürgermeister Zoran Djindjic (Demokratische Partei) und erst recht nicht der Monarchist Vuk Draskovic(Erneuerungsbewegung) brachten das Oppositionsbündnis auf einen einvernehmlichen Kurs jenseits aller persönlichenr Eitelkeiten und Konkurrenz.

Avramovic, von dessen Glaubwürdigkeit und Popularität vor allem Djindjic zu profitieren hofft, gibt sich furchtlos. Was hat er schon zu verlieren? "Unser Land braucht eine stabile Wirtschaft, Arbeitsplätze und die Anbindung an die internationale Gemeinschaft. Damit haben wir auch eine Chance, ohne Krieg und Aggressionen mit unseren Nachbarn zu leben", hatte er dem Tagesspiegel vor zwei Wochen in Berlin gesagt. Das kommt auch international gut an, wenn um humanitäre und wirtschaftliche Unterstützung für den Wiederaufbau des Balkans verhandelt wird. Serbien bleibt von Aufbauhilfen ausgeschlossen, solange Milosevic als Drahtzieher von vier Kriegen in den letzten zehn Jahren noch an der Macht ist. Als einziger Vertreter der serbischen Opposition war Avramovic Ende Juli Gast beim Balkan-Stabilitätspakt in Sarajevo. "Um der kommende Mann zu sein, ist er wohl zu alt", heißt es zum neuen Auftrag von Avramovic aus dem Berliner Auswärtigen Amt. Aber: "Er hat Charisma und gute Konzepte."

Dragoslav Avramovic gehört der kleinen christdemokratischen Partei an. "Ich bin aber kein Parteimann", betont er, "vielleicht nicht einmal ein Politiker." Sofern er an das Belgrader Establishment denkt. Doch gänzlich unpolitisch geht er nicht an seine neue Aufgabe heran: Sein Kabinett steht, das Regierungsprogramm auch - ein Wirtschaftsprogramm für Jugoslawien. Und dies scheint die Vertrauensbasis der Serben zu sein. Über Krieg, Schuld und Verantwortung spricht Avramovic auf internationalem Parkett, nicht aber zu Hause. Dort plädiert der in ausgebeulten Jeans und kariertem Baumwollhemd daherschlurfende Oppositionsrentner für ein neues "Kleinjugoslawien": "Allein schaffen wir es auf dem Balkan alle nicht."

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