Politik : Symbol Mainz

Bush kommt an den Ort, wo sein Vater sich für die deutsche Einheit aussprach

Malte Lehming[Washington]

Im Programm liest sich das Ereignis so: „Bundeskanzler Schröder empfängt Bush auf der Rhein Main Airbase (9 Uhr 45). Weiterfahrt zum Kurfürstlichen Schloss in Mainz (Ankunft 10 Uhr 15), Gespräch Bush-Schröder.“ Doch wann ließ sich Gerhard Schröder zum letzten Mal herab, einen Staatsgast am Flughafen abzuholen? Der Kanzler hasst solche Gesten. Er empfindet sie als Zeitverschwendung. Dass er nun bei George W. Bush eine Ausnahme macht, unterstreicht, wie intensiv beide Seiten bemüht sind, die Atmosphäre zu verbessern.

Bush in Mainz: Das gab’s schon einmal. Knapp 16 Jahre ist es her. Damals wurde in der Hauptstadt von Rheinland-Pfalz, in der Helmut Kohl den Grundstein seiner Karriere gelegt hatte, gewissermaßen die deutsche Einheit vorgeformt. Auch damals kam der US-Präsident aus Brüssel, von einem Nato-Gipfel. Anfang Mai hatte Ungarn mit dem Abbau seiner Grenzanlagen begonnen. In Paris und London lag man nervös auf der Lauer. Francois Mitterrand und Margaret Thatcher witterten Ungemach.

In dieser Situation kam Bush senior nach Mainz. Unter stürmischem Jubel sagte er am 31. Mai 1989: „Die USA und die Bundesrepublik waren immer feste Freunde und Verbündete, aber heute übernehmen wir eine zusätzliche Rolle – als Partner in einer Führungsrolle.“ Ziemlich genau in der Mitte seiner Rede wich Bush sogar von der eher defensiven Linie ab, die er mit seinem Außenminister James Baker vereinbart hatte. „Ebenso wie die Grenzen jetzt in Ungarn fallen, müssen sie in ganz Osteuropa fallen. Let Berlin be next.“ Damit ist klar, dass die USA ihr ganzes Gewicht hinter das Ziel einer deutschen Wiedervereinigung stellen würden. Thatcher soll verstimmt gegrummelt haben. Ihre Reaktion hieß: Nie wieder Mainz. Keinem Deutschen solle es jemals wieder gelingen, in die „special relationship“ zwischen den USA und Großbritannien einen Keil zu treiben. Thatchers Nachfolger übernahmen den Vorsatz.

Nun kommt Bush junior nach Deutschland – und fährt nach Mainz. Das mag eine Reihe praktischer Gründe haben – keine Großdemos wie in Berlin, die Nähe zu den US-Stützpunkten, Laura Bushs Interesse am Gutenberg-Museum. Doch symbolisch ist die Ortswahl von hoher Bedeutung. Brüssel, Mainz, Bratislava: Das steht für Nato, EU, deutsche Einheit, osteuropäischen Freiheitskampf. Washington akzeptiert die Grundpfeiler der europäischen und transatlantischen Identität. Das soll die zentrale Botschaft der Reise sein. Der Stimmungswandel geht wohl nicht zuletzt darauf zurück, dass Bush nach der Wiederwahl gelassener sein kann und die Europäer zu neuem Realismus gezwungen sind.

An diesem Montag hält Bush in Brüssel seine Grundsatzrede zum neuen transatlantischen Zusammenhalt. Darin wird er an den Freiheits-Idealismus aus seiner zweiten Amtseinführungsrede anknüpfen – was in Osteuropa begann, muss sich im Nahen Osten vollenden - und an die Hoffnungen seines Vaters, der ein starkes und vereintes Europa nicht als Bedrohung empfand, sondern als Bereicherung. Auf die Reaktionen darf man gespannt sein.

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