Politik : Symphonie der Hasenherzen Von Christine Lemke-Matwey

-

Diese Karwoche wird ein Fest. Mag die Klassik auch in der Krise stecken und der gemeine 16-Jährige Mozart nicht von Mozzarella unterscheiden können – zu Ostern geben sich seine Erziehungsberechtigten gerne musikalisch-kulinarisch Hochprozentiges. Die Berliner Staatsoper Unter den Linden eröffnet ihre Festtage mit Wagners „Tristan“. In Salzburg machen sich Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker für Debussys Oper „Pelléas et Mélisande“ stark. Die Deutsche Oper Berlin veranstaltet szenische „Mozart-Fragmente“. Die Fans alter Musik feiern im Konzerthaus das „Zeitfenster“-Finale. Das Deutsche Symphonie-Orchester erforscht Geistliches von Haydn bis Schütz … und die restlichen 150 Stadttheater und 130 Sinfonieorchester dieser ach so reformschlappen, bildungsmüden Republik spielen natürlich auch alle was.

Berlin also strotzt dieser Tage vor Musik. Entsendet seine potentesten Botschafter in die Welt, weiß Stars wie die Schweizer Architekten Herzog/de Meuron zu verführen, die für den „Tristan“ jetzt erstmals ein Bühnenbild entworfen haben. Es vermag Tüftler zu ermutigen, metropolitane Sinnlichkeit zu wecken. Berlin leuchtet. Zu schön, um wahr zu sein? Leider ja. Berlin ist schließlich auch die Hauptstadt der kulturpolitischen Hasenherzigkeiten und sauertöpfischen Besitzstandswahrungen, da in diese Euphorie ein dicker Wermutstropfen fällt.

Punktgenau, nach zwölf Monaten im Amt, hat Michael Schindhelm, der Generaldirektor der Stiftung „Oper in Berlin“, am vergangenen Donnerstag Bilanz gezogen. Das Resultat ist mehr als ernüchternd. Demnach wird die Opernstiftung – vor zwei Jahren gegründet, um den Erhalt und die Unabhängigkeit der drei Berliner Opernhäuser nebst Staatsballett zu sichern – 2008 Insolvenz anmelden müssen. Das Sparziel von verbleibenden 9,2 Millionen Euro ist gemessen an der Realität wahnwitzig, ja irre. „Wir haben ein Problem“, so der laue Kommentar von Kultursenator Thomas Flierl (PDS). Und Schindhelm nickt. Gut, dass wir darüber gesprochen haben? Besser spät als nie.

Allerdings darf man sich hier keiner Illusion hingeben. Die Rahmenbedingungen für das „Opernstrukturkonzept“ haben sich seit 2004 nicht verändert. Und Schindhelm und Flierl ziehen eine Notbremse, deren Griff sie längstens in Händen hätten halten sollen. Das eigentliche Drama also liegt – sehr Berlinisch – in der Langmut des Hinguckens, im scheinbar absichtslosen Vernölen der Dinge. Merkwürdig, dass ein Zugereister wie Michael Schindhelm dieser Mentalität so bereitwillig erlegen ist. Um Alarm zu schlagen, hat er jedenfalls ein sattes Jahr gebraucht.

Was außerdem wütend macht: Selbst eine tausendprozentige Auslastung der Häuser, selbst die wundersamsten wirtschaftlichen Synergieeffekte und künstlerischen Kooperationen hätten nichts verhindert. Und das wusste man. Jetzt soll Schindhelm bis Herbst eine Reform der Reform vorlegen. Dahinter steht dieselbe Frage, die zuletzt mit der Gründung der Stiftung beantwortet wurde: „Welche Oper in welcher Form“ kann Berlin sich leisten? Die Wiedervorlage des Problems – vom Kultursenator geschickt lanciert – lässt im Grunde nur einen Schluss zu. Ein Kamel passt mit seinen vier Beinen eben doch nicht durch ein Nadelöhr.

Vladimir Malakhovs Staatsballett mag im Jahr zwei der Opernstiftung proper dastehen, die Lindenoper mit Mussbach/Barenboim (nicht nur) touristisch glänzen, die Komische Oper dank Andreas Homoki und Kirill Petrenko für Authentizität bürgen. Die Deutsche Oper hingegen setzt in der ersten von Intendantin Kirsten Harms voll verantworteten Saison 2006/07 auf Raritäten. „Germania“ heißen die Stücke oder „Der Traumgörge“, und sie werden das 2000-Plätze-Haus in der gegenwärtigen Situation, pardon, nicht füllen. Das wiederum grenzt – bei aller Profilierungsnot, allem Wagemut – an Harakiri. Und es zeigt, wie Berlin seine Probleme löst: mit gezieltem Warten. Warten auf den Osterhasen.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben