Syrien : „Annan musste mit seinem Plan scheitern“

Das syrische Regime begeht täglich neue Gräueltaten. Der Westen debattiert. Der britische Syrien-Experte Alan George erklärt, warum eine politische Lösung nicht funktionieren kann.

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Alan George ist Senior Associate Member des St. Anthony´s College der Universität Oxford und Autor des Buches „Syria: Neither Bread Nor Freedom“. Mit ihm sprach Andrea Nüsse
Alan George ist Senior Associate Member des St. Anthony´s College der Universität Oxford und Autor des Buches „Syria: Neither...Foto: promo

Westliche Regierungen suchen eine politische Lösung für den Konflikt in Syrien. Was halten Sie davon?

Dieses Regime ist nicht zu Verhandlungen oder Kompromissen bereit. Es will die totale Kontrolle behalten und dies durch Terrorisierung der Bevölkerung durchsetzen. Dies ist seit Beginn des Aufstandes deutlich: Das Regime hat Jugendliche, die Graffitis gemalt haben, gefoltert und das Feuer auf die ersten Demonstrationen eröffnet. Das ist die Realität, die die Welt verstehen muss.

Eine Verhandlungslösung wie im Jemen, wo Präsident Saleh gegen Zusicherung von Straffreiheit abgetreten ist, ist also unrealistisch?

Das ist völlig ausgeschlossen. Wir haben es mit einer Mafia-ähnlichen Struktur zu tun, es geht nicht nur um Baschar al Assad, sondern seine erweiterte Familie, den Clan und die Religionsgemeinschaft der Alewiten. In Jemen war die Macht konzentrierter in den Händen eines Individuums. Das syrische Regime kämpft ums Überleben, bis zum Ende, um jeden Preis, egal wie viele Kinder dafür getötet werden.

Und der Annan-Friedensplan?

Er musste ebenso scheitern wie zuvor der Plan der Arabischen Liga. Es gab nie einen ernsthaften Ansatz des Regimes, sich darauf einzulassen.

Bleibt nur die militärische Intervention?

Wenn der Westen nicht militärisch eingreift, dann ist ein elend langer Bürgerkrieg vorprogrammiert, er wird sich möglicherweise über ein Jahrzehnt oder länger hinziehen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass das Regime überlebt, ist groß.

Wie könnte das Eingreifen aussehen?

Der Westen könnte die Opposition bewaffnen und humanitäre Korridore an der türkischen Grenze schaffen. Damit würde die Opposition eine Chance erhalten – sie braucht vor allem Anti-Panzer-Waffen. Eine intelligente, genau kalkulierte militärische Intervention ist die einzige Möglichkeit, wenn der Westen etwas tun will. Alles andere führt nirgendwo hin. Der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat John McCain ist der einzige Politiker, der Klartext spricht und offen eine Sicherheitszone fordert, die aus der Luft beschützt werden soll.

Die Welt hat Angst zu intervenieren.

Dafür gibt es gute Gründe. Es besteht die Gefahr, dass der Westen den Bürgerkrieg befeuert und die Waffen in die Händen von Extremisten gelangen. Aber was ist die Alternative? Nichts tun? Das ist moralisch illegitim, aber die Haltung kann man aus realpolitischen Gründen einnehmen. Es ist Zeit für klare Entscheidungen. Reden bringt nichts.

Ist es vielleicht schon zu spät?

Ich fürchte es. Denn die Auseinandersetzung gewinnt eine Eigendynamik, nach jedem Massaker mehr. Vielleicht verpassen wir gerade den letzten Zeitpunkt, an dem man den Horror durch Intervention zumindest noch verkürzen kann.

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