Syrien-Einsatz, Islam und Terrorismus : Der Westen muss sich wehren - aber auch offen sein

Im Kampf gegen den islamistischen Terror gibt es zwei fatale Reflexe: die zerknirschte Introspektion, die jede Intervention delegitimieren soll, und die Haftbarmachung des Islam für Verbrechen, die einige wenige Muslime in seinem Namen verüben. Ein Kommentar.

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Muslime in Kalifornien trauern um die Ermordeten von San Bernardino.
Muslime in Kalifornien trauern um die Ermordeten von San Bernardino.Foto: AFP

Deutschland beschließt den Einsatz der Bundeswehr in Syrien. Amerika erleidet ein Attentat, bei dem 14 Menschen sterben. Dass beide Ereignisse fast zeitgleich stattfinden, ist Zufall – und trotzdem aufschlussreich. Denn im Kampf gegen den islamistischen Terror gibt es zwei fatale Reflexe. Der erste ist die reuevolle, zerknirschte Introspektion, die jede Intervention delegitimieren soll. Demnach hat der Westen durch Kolonialherrschaft, Krieg, Ausbeutung und Diskriminierung das Recht auf jede weitere Einmischung verwirkt; im Aktionismus nach 9/11 und den Anschlägen von Paris zeigt sich eine überhebliche, selektive Moral, die erst dann zur Tat aufruft, wenn die eigenen Bürger betroffen sind.

An diesen Sätzen ist vieles wahr, nur die Folgerungen führen in die Irre. Ja, der Westen hat jahrzehntelang gravierende Fehler im Umgang mit der muslimischen Welt gemacht. Und ja, dieser Westen fühlt sich durch Terror auf seinem eigenen Boden stärker herausgefordert als durch fernen Terror. Doch daraus folgt nicht, dass dieser Westen sich nun gar nicht mehr wehren darf. Solange die Menschheit in Staaten organisiert ist, besteht deren oberste Aufgabe darin, den Schutz ihrer Bürger zu garantieren. Versagt der Souverän auf diesem Gebiet, das wusste schon Thomas Hobbes, kann er keinen Gehorsam mehr beanspruchen, der Bürger darf Widerstand leisten.

Der zweite fatale Reflex

Der zweite fatale Reflex ist die Haftbarmachung des Islam für Verbrechen, die einige wenige Muslime in seinem Namen verüben. Es ist zum Haareraufen: Schon die Integrationspolitik wird oft mit Debatten über Kopftücher, Schächten, Beschneidung, Minarett- oder Moscheebauten überfrachtet. Doch solche Debatten als Reaktion auf Terroranschläge zu führen, wirkt – ob beabsichtigt oder nicht – wie eine Kollektivbestrafung. Das Grundrecht auf eine ungestörte Religionsausübung zählt zu den Menschenrechten. Wer dieses Recht gegenüber einer Glaubensgemeinschaft einschränkt oder von deren Anhängern besondere Wertebekenntnisse verlangt, die Andersgläubige nicht ablegen müssen, offenbart eine erschreckende Vorurteilsstruktur.

Pegida, Le Pen und Geert Wilders lassen grüßen

Noch sind die Hintergründe der Morde von San Bernardino nicht ganz geklärt. Doch die Hinweise verdichten sich, dass die Täter islamistisch radikalisiert waren und terroristische Motive hatten. Nach 9/11 hatte der damalige Präsident George W. Bush das Islamische Zentrum in Washington D.C. besucht und gesagt: „Der Islam ist eine friedliche Religion. Wir kämpfen nicht gegen den Islam.“ Heute dagegen ziehen immer mehr Konservative in den USA eine direkte Linie vom Islam zum Terrorismus. Das gilt beileibe nicht nur für Donald Trump und dessen Sympathisanten. In dieser Beziehung ist Amerika offenbar dabei, sich zum Schlechten zu europäisieren. Pegida, Le Pen und Geert Wilders lassen grüßen.

Islamisten propagieren einen unüberwindbaren Gegensatz zwischen dem Westen und dem Islam. Jeder Muslim müsse sich entscheiden, entweder–oder. Das lässt sich nur mit einem entschiedenen Sowohl-als-auch parieren. Man kann Amerikaner und Muslim sein, Deutscher und Muslim, Franzose und Muslim. Dann aber dürfen mögliche Entfremdungsprozesse nicht durch Ausgrenzung angeheizt werden. Es gilt beides: Die IS-Milizen müssen mit aller Macht, auch militärischer und geheimdienstlicher, bekämpft, die bei uns lebenden Muslime mit aller Offenheit eingebunden werden.

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