Politik : Syrien: In die Trauer mischt sich ein Hoffnungsschimmer - Machtkampf hinter den Kulissen

Birgit Bogler

Etliche Hunderttausende, manche Schätzungen sprachen auch von gut einer Million und mehr, erwiesen am Dienstag in Damaskus dem verstorbenen Staatsoberhaupt Hafis el Assad die letzte Ehre. Nichts ging mehr im Stadtzentrum der syrischen Hauptstadt. Schwarz war die dominierende Farbe - schwarz gekleidete Menschen sammelten sich auf den Straßen und dem Omayyaden-Platz, schwarze Stoffbahnen hingen an Wänden, selbst manche Regierungsgebäude waren in schwarzes Tuch gehüllt. "Paradies, öffne Deine Pforten, Assad besucht Dich!" riefen viele aus der Menge - weinende Trauernde säumten den Weg, den der Sarg nehmen sollte. Manche hatten sich schon seit den frühen Morgenstunden ihren Platz gesichert. Andere verstopften die Straßen, schwenkten Porträts des toten Präsidenten und seines Sohnes Bachar, dem designierten Nachfolger, der die Vorbereitung der Trauerfeierlichkeiten übernommen hatte.

Ein großes Aufgebot von Sicherheitskräften schützte den Trauerzug vor einer teilweise hysterisch wirkenden Menge am Straßenrand. Vielfach brachen Frauen und Männer in Tränen aus oder fielen in Ohnmacht. In Sprechchören skandierte die Menge: "Gott ist groß, und Assad ist sein Liebling."

Doch im Großen und Ganzen herrschte, im Gegensatz zu den sonst im Orient üblichen expressiven Trauerbekundungen, eher stille Trauer vor - in die sich auch ein kleiner Hoffnungsschimmer mischte: Bachar, der in Kürze auch offiziell das höchste Staatsamt antreten wird, verkörpert für viele Syrer die Aussicht auf eine bessere Zeit.

Kurz nach 8 Uhr Ortzeit wurde der Sarg, umhüllt von der syrischen Fahne, zum Volkspalast auf dem Damaskus dominierenden Kassioun-Berg gebracht. Bachar, Familienangehörige, aber auch der neue Ministerpräsident Mohammed Miro und weitere Regierungsmitglieder folgten dem Sarg. Die eigentliche Beisetzung erfolgte am Nachmittag in Assads Heimatdorf Kerdaha .

Etliche Staatschefs der arabischen Welt waren bei der Trauerfeier zugegen, unter ihnen Jordaniens König Abdullah, Ägyptens Präsident Hosni Mubarak, Libanons Staatspräsident Emile Lahoud sowie Palästinenserführer Jassir Arafat. Aus der westlichen Welt hingegen hatte nur Frankreichs Staatspräsident Jaques Chirac den Weg nach Damaskus gefunden, ein leiser Misston, wie manche in der syrischen Hauptstadt meinten - der Westen ließ sich, merkte ein trauernder Syrer an, nur auf Außenministerebene vertreten.

Die US-Diplomatie repräsentierte allerdings Außenministerin Madeleine Albright, aus Berlin war Bundesaußenminister Joschka Fischer angereist. Am Rande der Beerdigungsfeierlichkeiten kam es auch zu diplomatischen Gesprächen auf höchster Ebene über den Fortgang des Friedensprozesses. Tausende Soldaten der Präsidentengarde hatte das Regime aufgeboten, um den sicheren Ablauf der Zeremonie zu sichern. Unterdessen meldete sich aus seinem europäischen Exil Rifaat El Assad, der jüngere Bruder des Verstorbenen, mit einem ungenierten Machtanspruch zu Wort und rief seine noch immer zahlreichen Anhänger in Armee und Sicherheitsdiensten zum sofortigen Putsch auf. Der innersyrische Machtkampf, den viele Beobachter erwartet hatten, scheint damit eröffnet, auch wenn angesichts der Trauerfeierlichkeiten sowie der offiziell angeordneten Staatstrauer von 40 Tagen nach außen erst einmal Ruhe herrscht. Die Armee hat indes die Ernennung von Bachar zum Generalleutnant und Oberbefehlshaber zunächst akzeptiert, auch wurde gegen Rifaat Haftbefehl erlassen wegen des Umsturzversuches, den er bereits 1983, während einer Erkrankung von Hafis El Assad, unternommen hatte - Rifaat soll so auf absehbare Zeit an der Rückkehr nach Syrien gehindert werden und am Kontakt mit seinen Sympathisanten vor Ort.

Abzuwarten bleibt, wie sich Syriens Islamisten verhalten werden. Etliche von ihnen waren erst im Dezember letzten Jahres anläßlich einer Verhaftungswelle im Gefängnis gelandet. Die sunnitische Moslembruderschaft war zudem schon 1982 bei einem Aufstandsversuch in Hama brutal unterdrückt worden - und Rifaat El Assad hatte damals die Armeeeinheiten kommandiert, die die Stadt mit Artillerie bombardierten und schließlich überaus blutig unter ihre Kontrolle zwangen, wobei mehrere Tausend Menschen den Tod fanden. Die Bruderschaft könnte daher jetzt auf Rache sinnen - und entweder gegen Bachar agieren, um einen Sturz des Regimes herbeizuführen oder aber sich aus taktischen Erwägungen heraus mit ihm verbünden, um Rifaats Anhänger an ihren Putschambitionen zu hindern. Wie stabil die Lage angesichts der sich abzeichnenden Spannungen hinter den Kulissen bleibt, muss abgewartet werden.

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