Syrien nach der Waffenruhe : "Die Erreichbarkeit ist das größte Problem"

Syrien ist durch die Waffenruhe weitgehend stabil, doch nicht alle Hilfsbedürftigen sind schon versorgt. Der Generalsekretär des deutschen Roten Kreuzes, Christian Reuter, über die Lage vor Ort.

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Die Versorgung in Aleppo mit Lebensmitteln und Trinkwasser ist immer noch schwierig.
Die Versorgung in Aleppo mit Lebensmitteln und Trinkwasser ist immer noch schwierig.Foto: Louai Beshara/AFP

Herr Reuter, Sie waren gerade in Syrien. Was halten Sie vom Vorschlag des US-Präsidenten, Schutzzonen für Flüchtlinge an der Grenze einzurichten?

Wir begrüßen jede politische Initiative – auch diese des US-Präsidenten –, die zu einem besseren Schutz der Zivilbevölkerung führt. Es müssten jedoch auch die schwer erreichbaren Regionen in Syrien berücksichtigt werden. Der Schutz der Flüchtlinge und der sichere Zugang humanitärer Helfer für solche Gebiete muss ohne Einschränkung und umfassend gewährleistet sein. Es gibt noch viele offene Fragen, die vorab geklärt werden müssen.

Können die notleidenden Menschen von der Waffenruhe profitieren?

Es gibt Regionen, die stabil sind. Das heißt, dort finden derzeit keine Kampfhandlungen statt. Was womöglich weniger an der Feuerpause liegt als daran, dass die Regierung militärisch das Sagen hat. Aber klar ist auch: In anderen Teilen des Landes herrscht nach wie vor Krieg. Da braucht man nur nach Aleppo zu schauen.

Geht es wenigstens einigen Menschen besser, als noch vor einigen Monaten?

Das kann man pauschal so nicht sagen. Fast die Hälfte der syrischen Bevölkerung hat ihr Zuhause verloren. Etwa 13,5 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Syrer leben jetzt schon seit bald sechs Jahren tagtäglich unter Kriegsbedingungen.

Christian Reuter (47) ist seit April 2005 Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes.
Christian Reuter (47) ist seit April 2005 Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Das bedeutet?

Die wirtschaftliche und soziale Lage ist dramatisch, die soziale Infrastruktur in großen Teilen nicht mehr existent. Viele Krankenhäuser sind zerstört, die Wasserversorgung funktioniert in etlichen Gebieten nicht mehr. Der Bedarf an Hilfe ist dementsprechend groß – und wird größer. Aber zumindest gibt es in einigen Gegenden keine Gewalt mehr. Das ist sicherlich ein Hoffnungsschimmer.

Heißt das, Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz erreichen die Bedürftigen heute etwas leichter?
Wir haben auch schon in schwierigeren Zeiten alles daran gesetzt, die Notleidenden zu erreichen und zu versorgen. Nicht zuletzt dank der großzügigen finanziellen Unterstützung durch die Bundesregierung. So können wir gemeinsam mit dem Syrischen Arabischen Roten Halbmond pro Monat 4,5 bis fünf Millionen Menschen betreuen. Sie bekommen Überlebenshilfe. Zum Beispiel Lebensmittel, Babynahrung und Hygieneartikel. Das ist durch die Feuerpause etwas einfacher geworden. Aber zur Wahrheit gehört ebenfalls, dass wir in einigen Gebieten überhaupt nicht helfen können. Das gilt zum Beispiel für die vom „Islamischen Staat“ kontrollierten Städte Palmyra und Rakka. Und gefährlich bleibt das Ganze ohnehin. Seit 2011 sind 57 Freiwillige des Roten Halbmonds ums Leben gekommen.
Und was ist mit den Menschen, die in anderen belagerten Gebieten leben? Die UN schätzen, dass Hunderttausende von jeder Hilfe abgeschnitten sind.

Das ist leider so. Das Einkesseln und systematische Zerstören von Orten gehört in Syrien zu den gängigen Kriegstaktiken. Aleppo und Homs sind dafür erschreckende Beispiele. Aber es gibt im Land sehr viele Aleppos. Elend und Not sind immens. Syrien ist seit Jahren die größte Herausforderung für Hilfsorganisationen.
Inwiefern?

Für die Menschen geht es nicht darum, ein normales Leben zu führen. Davon sind sie weit entfernt. Es geht allein darum zu überleben. Selbst wenn es irgendwann einmal Frieden geben sollte, brauchen die Syrer vielleicht noch jahrzehntelang die Unterstützung der Weltgemeinschaft. Auch deshalb müssen wir schon jetzt versuchen, die Menschen zu „ertüchtigen“. Hilfe zur Selbsthilfe könnte man das nennen.

Das kann aber dauern. Was bedeutet das für Ihre Arbeit heute?

Die Erreichbarkeit bleibt eines der größten Probleme. Wir können vielen Menschen überhaupt nicht helfen. Und es mangelt an Nachhaltigkeit. Uns ist es oft nicht möglich, die Bedürftigen regelmäßig zu versorgen. Und der Bedarf ist besonders vielfältig. Nahrungsmittel, Wasser, Elektrizität, Medikamente – es fehlt einfach an allem. Das betrifft nicht nur Aleppo oder Homs, sondern zig Orte in Syrien.

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