Syrische Flüchtlinge : Flucht in eine unwirkliche Welt

Täglich kommen Hunderte aus Syrien über die Grenzen in Zeltlager, wo die Lage oft erschreckend ist. Vor allem die Not der Kinder ist dramatisch, mahnt Unicef.

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Mitten in der Wüste. Für die vielen Kinder und Jugendlichen ist die Situation in den Flüchtlingslagern besonders schlimm.
Mitten in der Wüste. Für die vielen Kinder und Jugendlichen ist die Situation in den Flüchtlingslagern besonders schlimm.Foto: Reuters

Mehr als 40 Grad im Schatten, Sand ohne Ende und nicht selten tobt ein Wüstensturm. Eine „unwirkliche Umgebung“ nennt es Stefan Telöken vom UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR). „Wer hier hinkommt, hat wirklich keine Alternative.“ Seit Sonntag nimmt das Zeltlager in der Nähe der jordanischen Stadt Saatari Flüchtinge aus Syrien auf – bislang 2000. Ausgelegt ist es für bis zu 150.000 Menschen, und es ist durchaus davon auszugehen, dass diese Kapazität ausgereizt wird. „Die Situation wird immer prekärer“, sagt Telöken. „Täglich kommen Hunderte hinzu.“

Nach Angaben von Unicef sind mehr als die Hälfte der syrischen Flüchtlinge Kinder, zum Teil auch Neugeborene, und Jugendliche. Für sie sind die Bedingungen mitten in der Wüste besonders schwer erträglich. Und Unicef befürchtet, dass sich die Lage gerade für sie weiter verschärft. Zwar gibt es für sie eine sogenannte „kinderfreundliche Zone“, in der sie betreut werden und in der ihnen auch Spielsachen zur Verfügung stehen, dennoch benötigen viele psychosoziale Hilfe, sagt eine Unicef-Sprecherin. Sie seien schwer mitgenommen vom Erlebten und wie die meisten, die in den Lagern landen, komplett mittellos.

Erschüttert über die Situation der Flüchtlinge vor Ort zeigte sich auch der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, Markus Löning (FDP). Er hatte in den vergangenen Tagen zwei Flüchtlingslager in Jordanien sowie im Libanon besucht. Die Flüchtlinge seien „am Boden zerstört“, ihre Stimmungslage sei „ziemlich bedrückt“, sagte Löning am Freitag in Berlin.

Sowohl in Jordanien als auch im Libanon geht nach Ansicht von Löning die Angst um, dass eine weitere Eskalation in Syrien eine noch größere Flüchtlingswelle auslöst. „Es könnte nichts Schlimmeres passieren, als dass die Gewalt auf die Nachbarländer übergreift“, sagte er. Nach Angaben des UNHCR sind in Jordanien, im Libanon, in der Türkei und im Irak inzwischen mehr als 130.000 Flüchtlinge aus Syrien registriert, die Regierungen sprechen von weitaus mehr, denn viele lassen sich nicht registrieren. Nur eine Minderheit der aus ihren Wohnungen geflüchteten Syrer habe die Grenzen überquert, sagte Löning. Wahrscheinlich seien insgesamt eine Million Syrer im Land auf der Flucht.

Wer über die Grenze nach Jordanien in die Provinz Mafrak kommt, bringt meistens nur das mit, was er gerade am Körper trägt. Überhaupt wurde die Zeltstadt nur aus einer Notlage heraus errichtet – zu viele Menschen hatten sich in den Notunterkünften an der Grenze zuvor gedrängt, wegen der beengten Verhältnisse war es zu einem Aufruhr gekommen. Um die Situation wenigstens einigermaßen zu entspannen, hat das Technische Hilfswerk (THW) daraufhin sein Engagement verstärkt – mit acht Mann ist man derzeit vor Ort. In Zusammenarbeit mit den UN hat das THW Wassertanks sowie mobile Toiletten und Duschen errichtet und sorgt für eine stabile Nahrungsmittelversorgung.

Am Donnerstag waren beim Beschuss eines palästinensischen Flüchtlingslagers in Damaskus nach Angaben von syrischen Menschenrechtsaktivisten mindestens 21 Zivilisten getötet worden. Unter den Opfern seien auch zwei Kinder. Im jordanischen Flüchtlingslager ist es bisher noch nicht zu schlimmeren Vorfällen gekommen.

Gänzlich konfliktfrei geht es aber auch hier nicht zu. Die wenigen Männer – sie machen nur etwa 25 Prozent der registrierten Flüchtlinge aus –, die in Saatari landen, kommen meistens unmittelbar von Kampfhandlungen, sagt Stefan Telöken vom Flüchtlingshilfswerk. Es seien sowohl Gegner als auch Befürworter des Assad-Regimes. „Da kommt es zu schon mal zu einzelnen Auseinandersetzungen.“ Das erste Interesse aller bestünde allerdings im Überleben.

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