Syrische Flüchtlinge in der Region : Sie sind um ihr Leben gelaufen

Die deutschen Nothilfegelder müssen dringend aufgestockt werden, damit die Flüchtlinge in der Kurden-Region durch den Winter kommen, meint Angelika Claußen von der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW. Ein Gastbeitrag

Angelika Claußen
Ohne Hoffnung, ohne Perspektive: Syrische Flüchtlinge in einem Aufnahmelager an der türkischen Grenze.
Ohne Hoffnung, ohne Perspektive: Syrische Flüchtlinge in einem Aufnahmelager an der türkischen Grenze.Foto: AFP

Etwa 630 000 Menschen sind im August mit dem, was sie am Körper trugen, um ihr Leben gelaufen. Sie flüchteten in einem achttägigen Fußmarsch vom Sinjar-Gebirge über Syrien in die kurdische Provinz Dohuk im Irak. Neben den Jesiden befanden sich auch Christen, Turkmenen und viele Araber auf der Flucht vor den Kämpfern des "Islamischen Staats" (IS). Jesidische Frauen, die aus der Gefangenschaft des IS zurückgekehrt sind beziehungsweise von ihren eigenen Familien zurückgekauft wurden, trauern um ihre ermordeten Männer, Väter, Großväter und Söhne. Sie sind geplagt von Albträumen und fragen sich mit großer Angst, ob sie ihre von der IS entführten Schwestern oder Mütter jemals wiedersehen werden.

Die Nachbarn haben sie verraten

In ihren Erzählungen finden sich systematische und wiederkehrende Muster der Mittäterschaft und Unterstützung des Islamischen Staats. Es waren die unmittelbaren Nachbarn der jesidischen und christlichen Minderheiten, die Familien von nebenan an den IS verraten haben und ihnen ihr Hab und Gut stahlen. Es waren junge Männer, die sich dem Islamischen Staat anschlossen und die Frauen und Mädchen mit der Pistole am Kopf zwangen, zum Islam zu konvertieren, die sie misshandelten und vergewaltigten. Es waren „arabische Familien“, die die gefangenen Jesidinnen oder Christinnen bei ihren Verwandten zu Hause anrufen ließen, damit die Familien ihre Mädchen gegen Lösegeld wieder freikauften. Es ist diese Mittäterschaft von zahlreichen sehr unterschiedlichen Menschen der Zivilbevölkerung, die mich trifft, weil ich sie in dieser Massivität nicht erwartet hatte.

Die kurdische Autonomie-Regierung ist mit der großen Zahl der immer noch einströmenden Flüchtlinge, zuletzt auch aus Kobane, völlig überfordert. Der Großteil der Flüchtlinge lebt in Zelten, die zumeist nicht winterfest sind. Es fehlt an winterfester Kleidung, ausreichend Wasch- und Toilettenmöglichkeiten und warmen Decken. Zudem gibt es kaum getrennte Sanitäranlagen für Frauen, keine Schulen und Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Nahrung für die Flüchtlinge stellt überwiegend die Regierung des kurdischen Ministerpräsidenten Massoud Barzani. Zelte, Decken, Kleidung, Sanitäranlagen liefern verschiedene internationale Hilfsorganisationen. Die Helfer beklagen die fehlende Koordination und die Bürokratie.

Militärische Lösungen können sich als Bumerang erweisen

Der Genozid an den Jesiden hat seine Vorgeschichte in einer lange andauernden Diskriminierungspolitik und systematischen Übergriffen auf die ethnischen und religiösen Minderheiten im Irak - sowohl während des Regimes von Saddam Hussein als auch infolge des Irakkriegs durch die USA und die nachfolgende Besatzungspolitik. Eine "einzige richtige" Antwort, wie die extremen Menschenrechtsverletzungen des IS kurzfristig gestoppt werden können, gibt es nicht. Aber militärische Lösungen werden sich als Sackgasse, vielleicht sogar als Bumerang erweisen und neue terroristische Gruppen hervorbringen.

Die Konfliktlage im Irak und in der Region ist sehr komplex: Sie umfasst viele miteinander verwobene Teilkonflikte und ist eng mit den regionalen und globalen Ressourcenkonflikten um Öl und Gas sowie anderen Bodenschätze verbunden. Gleichzeitig geht es um die regionale Vormachtstellung zwischen den sunnitisch geprägten Regionalmächten Saudi-Arabien, Quatar und Türkei einerseits und den schiitisch-alawitisch geprägten Regionalmächten Iran, Irak und Syrien andererseits. Zudem kämpft das US-geführte Nato-Bündnis um die globale Vormachtstellung mit Russland und China.

Als ärztliche Friedensorganisation fordern wir zuallererst die Aufstockung der deutschen Nothilfegelder von bisher ca. 50 auf 100 Millionen Euro noch für 2014. Notwendig sind zudem großzügige finanzielle Hilfen zum Ausbau der psychosozialen Versorgung der traumatisierten Flüchtlinge sowie eine deutliche Erhöhung der Aufnahmezahlen der Kriegsflüchtlinge aus dem Irak und Syrien nach Deutschland und in die EU.

 

Die Autorin ist Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Mitglied der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW und hat vom 8. bis 17. Oktober 2014 Flüchtlingscamps um die kurdischen Städte Dohuk und Erbil besucht.

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