Syrische Flüchtlinge : "Schickt uns nicht zurück – sie töten uns"

Die Türkei bereitet sich auf eine Fluchtwelle aus Syrien vor und erwägt Schutzzonen im Nachbarland. Der Ton Ankaras gegenüber Machthaber Baschar al Assad hat sich merklich verschärft.

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Grenzüberschreitender Protest. Ein Demonstrant zündet in Istanbul ein Foto des syrischen Präsidenten Bashar al Assad an.
Grenzüberschreitender Protest. Ein Demonstrant zündet in Istanbul ein Foto des syrischen Präsidenten Bashar al Assad an.Foto: Bulent Kilic/AFP

Sie kamen mit türkischen Fahnen und einer verzweifelten Bitte: „Schickt uns nicht zurück – sie töten uns“. Rund 260 Syrier sind in den vergangenen Tagen in die Türkei geflohen, um dem brutalen Vorgehen der Sicherheitskräfte in ihrem Land zu entgehen. Die türkischen Behörden nahmen sie auf und richten sich darauf ein, noch mehr Flüchtlinge in Empfang zu nehmen. Ankara denkt laut Presseberichten sogar über die Einrichtung von Schutzzonen auf syrischem Boden nach, um Flüchtlinge noch vor einem Grenzübertritt abfangen zu können.

Wahrscheinlich würden noch sehr viel mehr Syrer kommen, sagte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nach der Ankunft der ersten Flüchtlingsgruppe. Deshalb werden derzeit Zelte, Decken und Feldküchen zur Versorgung von mehreren tausend Menschen in die südtürkische Grenzprovinz Hatay geschafft.

Türkischen Zeitungsreportern berichteten die Flüchtlinge, warum sie ihr Zuhause jenseits der Grenze Hals über Kopf verließen. „Wir hatten gehört, dass es in Nachbardörfern Tote gegeben haben soll. Da haben wir Angst bekommen und sind geflohen.“ Zunächst wurden die Flüchtlinge, darunter Frauen und Kinder, an der Grenze von türkischen Soldaten aufgehalten, doch Ankara gab rasch grünes Licht zur Aufnahme der Menschen. „Wir wollen Demokratie und Freiheit“, sagten die Syrer. „Wir wollen leben wie ihr Türken.“

Die möglichen Folgen der seit Wochen andauernden Unruhen in Syrien sind das Topthema in Ankara, wo Politiker und Militärs zu einer Dringlichkeitssitzung nach der anderen zusammenkommen. Fast 900 Kilometer misst die Grenze zwischen der Türkei und Syrien, die damit wesentlich länger ist als die türkischen Grenzen zu allen anderen Nachbarstaaten. Hinter verschlossenen Türen werden in Ankara die verschiedensten Szenarien durchgespielt, darunter angeblich auch die Schutzzonen-Variante, bei der türkische Soldaten die Sicherheit von schutzsuchenden Syrern und türkische Hilfsorganisationen die Versorgung der Menschen garantieren würden.

Mit den Schutzzonen könnte die Türkei verhindern, dass sie auf lange Zeit eine große Flüchtlingsgruppe auf eigenem Staatsgebiet betreuen muss. Nur zu gut erinnern sich die Türken an den Beginn der 1990er Jahre, als ihr Land den Ansturm von hunderttausenden Kurden aus dem Irak verkraften musste. Völkerrechtlich wäre die Einrichtung der Zonen in Syrien jedoch sehr heikel und könnte sogar Gefechte zwischen den türkischen Bewachern solcher Zonen und syrischen Sicherheitskräften heraufbeschwören.

In diplomatischen Kreisen in Ankara wurden Pressemeldungen über die Schutzzonen denn auch dementiert. Möglicherweise ließ die türkische Regierung derartige Überlegungen nur an die Öffentlichkeit durchsickern, um die Syrer ein weiteres Mal zu warnen. Nachdem Ankara in regierungsamtlichen Stellungnahmen zunächst auffällig nachsichtig mit dem Regime des syrischen Präsidenten Baschar al Assad umging, hat sich der Ton der Türkei nun merklich verschärft. So sagte Erdogan, Assad müsse noch viel mehr unternehmen, als nur den Ausnahmezustand aufzuheben. In einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats forderten Regierung und Militärführung gemeinsam ein Ende der Gewalt im Nachbarland.

Die eigenen Sorgen und Interessen der Türkei lassen Ankara zudem immer offener über eine Zukunft Syriens ohne Assad nachdenken. Bisher fordert die Türkei lediglich Reformen, nicht aber den Rücktritt des Präsidenten, mit dem Erdogan in den vergangenen Jahren eng zusammenarbeitete. Doch mit jedem neuen Gewalteinsatz gegen Demonstranten in Syrien wächst bei den Türken die Einsicht, dass ihr oberstes Ziel im Syrien-Konflikt – die Stabilität des wichtigen Nachbarn – ohne den syrischen Präsidenten möglicherweise besser zu verwirklichen ist als mit ihm.

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