Syrischer Philosoph im Interview : „Wir saßen auf einem brodelnden Vulkan“

Der syrische Philosoph Sadiq al Azm, emeritierter Professor in Damaskus, über den Aufstand in seinem Land und das Vorgehen der Opposition.

Sie haben die arabische Welt mit Hamlet verglichen, zerrissen zwischen Tradition und Moderne. Ist die Region mit dem Aufbegehren gegen ihre Diktatoren in der Moderne angekommen?

Noch nicht. Die Ereignisse werden den Zustand, in dem die Region unentschlossen hin- und hergerissen ist, eher verlängern. Insbesondere weil die Islamisten an die Macht kommen werden. Der Einfluss des türkischen Modells zerrt in die andere Richtung. Wenn dieses sich durchsetzt, wird diese Unentschlossenheit vielleicht ein Ende finden.

Nach dem verlorenen Krieg von 1967 attestierten Sie der arabischen Welt, dass sie unfähig zur Selbstkritik und damit zur Niederlage verdammt ist. Ist das heute anders?

Ja, ich glaube, dass die Fähigkeit zur Selbstkritik heute stärker ausgeprägt ist. Das beste Beispiel dafür ist der sogenannte Damaszener Frühling aus den Jahren nach dem Tod von Hafez al Assad im Jahr 2000. Wir Intellektuellen haben damals kritisch alte Ideologien und politische Konzepte untersucht. Damals war für eineinhalb Jahre eine öffentliche Diskussion möglich, in ganz Syrien entstanden Debattierklubs. Der Damaszener Frühling war damit ein Vorspiel oder auch eine theoretische Vorbereitung für das, was wir heute den Arabischen Frühling nennen.

Waren sie überrascht, als im März auch in Syrien der Aufstand begann?

Der Zeitpunkt hat mich überrascht, aber nicht der Aufstand an sich. Das Leben in Damaskus in den vergangenen acht Jahren war ausgesprochen verstörend und nervenaufreibend. Denn an der Oberfläche ging das Leben normal weiter, aber gleichzeitig hatte man das Gefühl, dass man auf einem brodelnden Vulkan sitzt. Die Polarisierung der Gesellschaft entlang religiöser Linien war überall spürbar. Nach der Ermordung des libanesischen Premiers Hariri hat sich das syrische Regime auf seinen inneren Zirkel besonnen. Die Sunniten wurden an den Rand gedrängt. Die sogenannte Liberalisierung der Wirtschaft, die damals begann, kam nur einem engen Zirkel zugute. Plötzlich begannen wir, genau zu überlegen, was wir in Gegenwart von Alawiten oder Sunniten sagten. Diese Polarisierung hat sogar Freundschaften, die seit Jahrzehnten bestanden, zerstört. So etwas hatte es selbst in den 70er und 80er Jahren, als der Kampf des Regimes gegen die Muslimbrüder tobte, nicht gegeben.

Aber die sunnitische Händlerschicht in Aleppo und Damaskus, die teilweise auch profitierte, hat sich bisher dem Aufstand nicht angeschlossen.

Ja, das war eine große Überraschung. Wir hatten damit gerechnet, dass sie im Fall eines Aufstandes die Gelegenheit nutzt, sich aus dem Würgegriff der militärischen Seite dieses Komplexes zu befreien, die unproduktiv ist und an die sie Kommissionen zahlen müssen. Aber da haben wir uns verschätzt. Dieser Komplex ist solider als erwartet.

Wenn die religiösen Trennlinien bereits vor dem Aufstand so spürbar waren, dann verheißt das nichts Gutes für die Versöhnung nach den jetzigen blutigen Auseinandersetzungen.

Ich finde es eher bewundernswert, dass nach mittlerweile neun Monaten Aufstand noch kein Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Wenn Sie mich Anfang des Jahres gefragt hätten, was passiert, sollte der Tsunami aus Tunesien Syrien erreichen, dann hätte ich befürchtet, dass die Sunniten in Hama als Erstes aufstehen und sich für die Massaker von 1982 rächen werden. Das ist nicht geschehen, und wir waren alle erleichtert. Aber der Wille, die niedrigsten Instinkte zurückzuhalten, wird nicht ewig halten.

Glauben Sie, dass der „Friedensplan“ der Arabischen Liga funktionieren wird?

Nein, das ist unrealistisch. Der Generalsekretär der Arabischen Liga hat gesagt, dass die Beobachter bereits nach einer Woche ein Urteil abgeben können. Es wird sich also sehr schnell zeigen, ob das Regime den Deal umsetzt. Ansonsten wird das Dossier an die UN weitergegeben.

Also doch ein Eingreifen von außen?

Wir brauchen eine Art äußerer Intervention. Die syrische Opposition ruft jetzt den Sicherheitsrat an.

Aber der Westen will nicht militärisch eingreifen.

Die Türken würden eine Schutzzone einrichten, vielleicht mithilfe der Nato.

Hat der oppositionelle Syrische Nationalrat bei seinem Treffen in Tunis letzte Woche Fortschritte gemacht?

Ich war positiv überrascht von der Erklärung. Ich hatte befürchtet, dass zu sehr auf die Opposition im Lande gehört wird, die teilweise noch mit dem Regime verhandeln will. Aber es war ein großer Fortschritt, dass der Chef des Nationalrates, Burhan Ghalioun, die Freie Syrische Armee adoptiert und anschließend ihre Führung in der Türkei besucht hat. Selbst syrische Kritiker des Rates waren vertreten und haben zugestimmt.

Welche Art von politischem Islam finden wir in Syrien? Pragmatisch oder radikal?

In Syrien haben wir eher Islam vom Typ „good for business“, den pragmatischen Islam der Bourgeoisie und der Händlerklasse. Aber ich glaube nicht, dass Islamisten vom Schlage der Muslimbrüder in freien Wahlen einen absoluten Wahlsieg erringen würden, denn wir haben 30 bis 35 Prozent Minderheiten im Land.

Wie könnte ein Transformationsprozess in Syrien aussehen? Wie in Tunesien oder eher wie in Ägypten, wo das Militär die Macht nicht abgeben will?

Wir würden wahrscheinlich eine ähnliche Situation wie in Ägypten erleben. Denn wir haben seit Jahrzehnten eine Militärherrschaft. Und die Militärs werden die Macht nicht an Zivilisten abgeben wollen. Die Armee wird in die Kaserne zurückgehen und der zivilen Politik und Parteien die Bühne überlassen. Aber im Hintergrund präsent bleiben. Doch selbst dieses Modell würde für uns nach Jahren der Militärdiktatur Fortschritt bedeuten.

Das Gespräch führte Andrea Nüsse.

Sadiq al Azm (77) ist ein syrischer Philosoph. In seinem Buch „Selbstkritik nach der Niederlage“ prangerte er nach dem Krieg von 1967 die Schwächen der arabischen Welt an.

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