Politik : Systemwechsel? Bloß nicht

Vergleichsstudie lobt deutsches Gesundheitssystem als preiswert und hocheffizient

Rainer Woratschka

Um die Notwendigkeit tief greifender Reformen im Gesundheitssystem zu begründen, werden seit Jahren zwei Automarken bemüht. „Mercedes zahlen und VW fahren“ müssten die Deutschen, schimpften die Kritiker. Hoher Preis, geringe Leistung. Der Beweis für diese Behauptung sei nie erbracht worden, sagt der Kieler Gesundheitssystem-Forscher Fritz Beske. Nun glaubt er, den Gegenbeweis antreten zu können. Das verblüffende Ergebnis seiner fast 500-seitigen Studie: Deutschland hat im internationalen Vergleich nicht nur das höchste Versorgungsniveau. Es ist auch vergleichsweise preiswert und damit nach Beskes Worten „das wohl effizienteste Versorgungssystem der Welt“.

Verglichen haben die Forscher 14 führende Industrienationen – wobei sie nicht so recht begründen können, warum das gesundheitspolitisch renommierte Norwegen fehlt. Beim Versorgungsniveau jedenfalls liegt Deutschland an der Spitze. Ihm folgen: Österreich, Belgien, Schweiz, Niederlande, Japan, Frankreich, Dänemark, Schweden, Kanada, Italien, Großbritannien, Australien und USA. Und bei den Pro-Kopf-Ausgaben liegen die Deutschen mit 3560 Euro im Jahr nur an siebter Stelle – hinter Spitzenreiter USA (6195 Euro), Schweiz, Dänemark, Niederlande, Österreich und Schweden. Auf die geringsten Ausgaben kommt Italien mit 2187 Euro – wobei Italiens Angaben laut Beske lückenhaft sind und man wie auch in Kanada, Großbritannien und Belgien von wesentlich höherem Geldfluss ausgehen müsse.

Dafür seien hier zu Lande die Wartezeiten weltweit am kürzesten, hebt der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, hervor. Und Beske bestätigt: Deutschland habe mit seiner hohen Arztdichte und Krankenhauskapazität, seiner freien Arzt- und Klinikwahl und den „vergleichsweise geringen Zuzahlungen“ praktisch keine Zugangsbarrieren zum Gesundheitswesen. Auch der Leistungskatalog, etwa bei Heil-, Hilfs- und Arzneimitteln, sei „überdurchschnittlich“. Im Effizienzvergleich landet Deutschland daher auf Platz vier – gleich hinter Italien, Belgien und Kanada, deren dünne Angaben man Beske zufolge aber relativieren müsse. Ganz hinten in Sachen Effizienz rangieren die Länder mit den teuersten Systemen: Schweiz und USA.

AOK-Chef Hans Jürgen Ahrens kommt Beskes Loblied sehr zupass. Die Studie mache deutlich, „dass Alarm und Panikmache fehl am Platze“ und das Gesundheitssystem längst nicht so marode sei, dass es „umgekrempelt“ werden müsse. Bürgerversicherung oder Kopfpauschale? Keine Notwendigkeit. Das bestehende System müsse nur „etwas gängiger gemacht“ werden – wobei pragmatische Ansätze nützlicher seien als etwa die FDP-Forderung nach Komplettprivatisierung“. Beske stößt ins selbe Horn. Es sei zu hoffen, sagt er, „dass nicht durch Reformen oder durch das, was als Reform bezeichnet wird, unser patientenfreundliches, effizientes Gesundheitssystem Schaden leidet oder gar zerstört wird“.

Allerdings stellt der AOK-Chef die Methodik der KBV-gesponserten Studie auch in wesentlichen Punkten in Frage. Hohe Arztdichte und lange Verweildauer im Klinikum seien nicht gleichbedeutend mit besserer Versorgung. Und warum bei der Effizienz nur Leistungsumfang und Ausgaben, nicht aber die Lebenserwartung als Gradmesser dient, könne er auch nicht nachvollziehen. Hier landen die Deutschen trotz hoher Ausgaben nämlich nur im unteren Feld. „Warum leben die Japaner länger?“, fragt Ahrens. „Die essen mehr Fisch“, sagt KBV-Chef Köhler ein wenig hilflos. Die Mutmaßung, dass ihre längere Lebenserwartung an der geringeren Zahl von Arztkontakten liegen könnte, will er keinesfalls gelten lassen.

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