Tabuthema Wahlentscheidung : Wieso nicht verraten, wen man gewählt hat?

Genau wie bei Gehaltsfragen, hüllt man sich bei der persönlichen Wahlentscheidung in Schweigen. Das Tabu gefährdet aber den politischen Diskurs. Ein Kommentar.

Max Tholl
Foto: Stefan Sauer dpa

Über Geld spricht man nicht, man hat es, lehrt der Volksmund. Wer offenlegt, wie viel er oder sie verdient, zieht womöglich die Missgunst und kritischen Blicke der Kollegen und Mitmenschen auf sich und muss sich am Ende noch unangenehmen Fragen stellen: So viel? Mit welcher Rechtfertigung? Ist das fair? Da ist es ratsamer, vage oder mäuschenstill zu bleiben. Bei der Entscheidungsfindung, im Vorfeld einer Wahl, zeichnet sich meist ein ähnliches Bild: Über politische Haltung spricht man nicht, man hat sie.

Die Gretchenfrage, welcher Partei man die eigene Stimme schenkt, ist bei vielen Bürgern immer noch ein Tabuthema. So viel Zurückhaltung wie bei dieser Frage gibt sonst es nur beim Koalitions-Geschacher nach der Wahl. Es gibt gute Gründe für das Umschiffen dieses Sujets. Das Wahlgeheimnis, also das Recht auf Geheimhaltung der eigenen Entscheidung, ist ein demokratischer Grundpfeiler, der gewährleistet, dass Wähler frei von äußerer Einflussnahme und Druck oder Angst vor Repressalien votieren können. Zu diesem Zweck wurden bei der diesjährigen Bundestagswahl sogar Selfies in den Wahlkabinen verboten. Das Recht auf Privatsphäre gilt auch und gerade beim Urnengang.

Politik darf keine Privatsache sein

Das sollte allerdings nicht dazu führen, dass Politik grundsätzlich Privatsache wird und es keinen Austausch mehr gibt. Dass nur noch die Farbe bekennen, denen es um den falschen Tabubruch geht und die mit ihrer Entscheidung zu kokettieren versuchen. Dass die Mitte sich in dröhnendes Schweigen hüllt.

Zur eigenen Wahlentscheidung zu gelangen, ist harte Arbeit und muss es auch sein. Sie zu verteidigen und nach außen zu begründen, ist noch schwieriger, denn es steht mehr auf dem Spiel als die eine Stimme. Der eigene Ruf und persönliche Beziehungen drohen womöglich ins Wanken zu geraten. Denn ähnlich wie beim Geld, scheint auch bei der Politik die Freundschaft aufzuhören. Politische Trennlinien verlaufen quer durch Familien, Freundeskreise, Arbeitsplätze. Wie soll man als sozialer und liberaler Demokrat reagieren, wenn in der eigenen Familie oder im Freundeskreis AfD gewählt wird? Das Tabu, das über der persönlichen Wahlentscheidung liegt, ist auch ein Schutzmechanismus vor solchen Konflikten. Ist es nicht einfacher, ähnlich wie bei der Gehaltsfrage, sich auf gegenseitiges Schweigen zu einigen? Einfacher ja, aber deutlich schwerwiegender. Beim Geld geht es nur um das persönliche Sparschwein. Bei der Wahl geht es um den demokratischen Diskurs.

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