Politik : Täglich im Kreuzverhör der Medien

BRÜSSEL (AFP).Seit mehr als sechs Wochen steht Jamie Shea im Nato-Hauptquartier täglich im Kreuzfeuer von Fragen und Kritik.Der Kosovo-Krieg hat aus dem Chefsprecher der Nato innerhalb kürzester Zeit eine weltbekannte Persönlichkeit gemacht.Stoisch zieht der 45jährige Brite Tag für Tag Bilanz der nächtlichen Angriffe gegen Jugoslawien.Am Wochenende mußte er gleich zwei "versehentliche" Angriffe auf Zivilisten binnen weniger Stunden eingestehen: Der Angriff auf die chinesische Botschaft war der politisch brisanteste.

Ungeachtet solcher Botschaften und trotz des schon viel länger als geplant andauernden Luftkrieges bleibt es bei der täglichen Shea-Botschaft: Die Angriffe gehen weiter, die Allianz ist auf der Siegerstraße."Er" und sein Regime werden früher oder später verlieren."Er", das ist der jugoslawische Präsident Milosevic.Kritik an der undurchsichtigen Nato-Informationspolitik prallte bislang an dem wortgewaltigen Shea ab.Der Militärsprecher an seiner Seite dagegen wurde schon zum dritten Mal ausgetauscht.

Seit dem Beginn des Luftkrieges gegen Jugoslawien am 24.März - im Nato-Jargon "kein Krieg, sondern eine Krise" - nahm sich der am 11.September 1953 in London geborene Jamie Patrick Shea erst einen freien Tag.Der Sprecher will allgegenwärtig sein, die Informationsfäden in der Hand behalten.Da gibt es zwar Stellvertreter im Nato-Pressedienst, die jedoch im Schatten des Briten verblassen.Fragen drängender Journalisten pariert Shea nicht nur in seiner Muttersprache, sondern auch in fließendem Französisch, bisweilen auch in Deutsch oder Niederländisch.Nur mit dem Italienischen scheint es etwas zu hapern.

Seine Karriere bei der Allianz begann Shea, der in Oxford über Moderne Geschichte promovierte, 1980 als Sekretariats-Mitarbeiter.1993 wurde er an die Spitze des Pressedienstes berufen.Auch ein Wechsel an der Spitze der Nato konnte Shea nichts anhaben.Als im Oktober 1996 der unter Korruptionsverdacht geratene Belgier Willy Claes als Nato-Generalsekretär aufgeben mußte, blieb er auf seinem Posten.Der Nachfolger Javier Solana lernte Sheas Dienste auch als Redenschreiber schnell schätzen.Nebenbei hält Shea Vorlesungen an Universitäten in Brüssel, Antwerpen und Washington über internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik.

"Ich habe ein dickes Fell und bin nicht nachtragend", sagt Shea auf Fragen danach, wie er den Medienrummel und die Kritik wegstecke.Vorwürfe nehme er nicht persönlich.Dennoch denkt der Karrieremensch offenbar bereits an das Leben "danach"."Ich glaube nicht, daß ich ewig Sprecher bleiben werden", meint Shea.Nach dem Nato-Gipfeltreffen von Washington Ende April habe er angefangen, sich erste Gedanken über die Zukunft zu machen, bekennt der Brite.Vielleicht wolle er ein Buch schreiben - über die Nato.

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