Tag der Deutschen Einheit : Neuer Aufbruch gefordert

Zum 15. Tag der Deutschen Einheit haben führende Politiker vor Schwarzmalerei gewarnt und einen neuen Aufbruch gefordert.

Potsdam - "Der Osten ist kein Jammertal und auch kein Milliardengrab", sagte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit am Montag in Potsdam. Die Sanierung der Städte, die Modernisierung des Kommunikationsnetzes und der Straßen seien beachtliche Erfolge. Allerdings sei ein selbsttragender Aufschwung weiterhin nicht in Sicht.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) forderte einen «neuen Aufbruch» in Deutschland nach der Bundestagswahl «über die gewohnten politischen Lager hinaus». «Wir sollten den Elan und die Emotionalität, die Kraft, die 1989 und 1990 alle Deutschen in sich spürten, aufgreifen und für die Zukunft Deutschlands nutzen», sagte Platzeck, der derzeit auch Bundesratspräsident ist.

In diesem Jahr war das Land Brandenburg Gastgeber der zentralen Feierlichkeiten, weil es den Vorsitz im Bundesrat innehat. Die Feiern begannen mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Potsdamer Nikolaikirche, an dem unter anderem Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) teilnahmen.

Der evangelische Bischof Wolfgang Huber ermahnte die Politiker: «Die politischen Aufgaben sind wichtiger als die politischen Farbkombinationen. (...) Auf dem schwierigen Weg, der jetzt gemeistert werden muss, wollen die Menschen mitgenommen werden.»

Die Konzentration von Fördermitteln auf Bereiche, die Beschäftigung versprechen, sei richtig, betonte Thierse vor den rund 1000 Gästen des Festaktes in der Caligari-Halle auf dem Babelsberger Filmgelände. Dabei nannte er vor allem Bildung und Forschung. Obendrein biete die EU-Osterweiterung eine «interessante Perspektive» für die Zukunftsgestaltung abseits von Förderprogrammen. Entschieden trat Thierse für die Erhaltung des Sozialstaats ein, der die «größte europäische Kulturleistung» sei.

Auf dem Festakt erinnerte eine Filmdokumentation - untermalt vom Filmorchester Babelsberg - an die Menschen verachtenden Grenzanlagen der DDR. Sowohl Platzeck als auch Thierse erinnerten in diesem Zusammenhang an Gängelung und Unterdrückung unter dem SED-Regime. «Kein anderes Bauwerk war bis 1989 in ganz Deutschland so verhasst wie die Mauer», sagte Brandenburgs Regierungschef. Der 3. Oktober sei ein «Tag wirklicher Freude, ein Tag der Hoffnungen für ganz Deutschland».

Thierse hob die Leistung der ersten frei gewählten Volkskammer von 1990 hervor, die ohne Vorbild nach der friedlichen Revolution die Wiedervereinigung mitzuorganisieren hatte. «Das ist eine großartige, eine wahrhaft historische Leistung und wir täten gut daran, diese Leistung im öffentlichen Bewusstsein stärker zu verankern.» Nach 15 Jahren Aufbauarbeit sei die Mitte des Weges erreicht.

Als symbolisches Zeichen für das Zusammenwachsen von Ost und West pflanzten am Nachmittag Altkanzler Helmut Kohl (CDU) und der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow jeweils ein Kirschbäumchen im Potsdamer Park Sanssouci. Kohl sollte noch am Abend in Berlin mit dem Quadriga-Preis des Vereins Werkstatt Deutschland ausgezeichnet werden.

Parallel zu den offiziellen Feierlichkeiten, veranstaltete Brandenburgs Landeshauptstadt ein großes Bürgerfest, zu dem bis zu 400 000 Besucher erwartet wurden. Erstmals aus diesem Anlass zogen am Tag der Einheit Musikformationen aus allen 16 Bundesländern in einer großen Parade durch die Stadt. Die rund 800 Musiker boten ein Repertoire von Blas- und Fanfarenmusik über Jazz bis hin zu aktuellen Hits.

Auf dem Fest präsentierte sich auch die Image- und Standortinitiative zur Fußball-WM 2006, «Deutschland - Land der Ideen», erstmals einer breiten Öffentlichkeit. Ministerpräsident Platzeck und FC Deutschland-Geschäftsführer Mike de Vries besiegelten offiziell die Kooperation zwischen der Initiative und dem Land Brandenburg. (tso/dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar