Tag der deutschen Einheit : Ostdeutsche sind unzufriedener als Westdeutsche

Kurz vor dem Tag der deutschen Einheit haben Spitzenpolitiker das Zusammenwachsen von Ost und West gewürdigt, aber auch auf weiter bestehende Schwierigkeiten verwiesen.

Berlin - Natürlich hätten sich nicht alle Träume erfüllt, aber "wir können auch auf vieles zurückblicken, was wir geschafft sagen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrem neuen Video-Podcast. "Ich bekenne mich zu denen, die sagen: Der 3. Oktober ist ein Feiertag." Sie nahm damit Bezug auf eine Umfrage, wonach nur ein knappes Drittel der Befragten den Tag der Deutschen Einheit als Anlass zum Feiern sieht.

Merkel bezeichnete den Aufbau Ost als Aufgabe aller Deutschen. Wenn die Deutschen diese Aufgabe "beherzt anpacken, wenn wir von unseren gemeinsamen Erfahrungen in Ost und West lernen", dann könne sich Deutschland weiter gut entwickeln und ein verlässlicher Partner in der Welt sein. Zugleich räumte die Kanzlerin ein, dass die Arbeitslosigkeit in den neuen Ländern nach wie vor doppelt so hoch sei wie im Westen. Viele junge Leute fänden im Osten keinen gewünschten Ausbildungsplatz. Als positive Beispiele nannte Merkel eine sauberere Umwelt, die Reisefreiheit und die Schaffung innovativer Jobs.

Schäuble: Heute ist Deutschland zusammengewachsen

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte der Berliner "B. Z.": "Heute ist Deutschland zusammengewachsen. Die großen Unterschiede sind Geschichte." Aber auch Schäuble, der Chefunterhändler beim Einigungsvertrag gewesen war, räumte ein, manches sei "schwieriger geworden, als wir uns das damals vorgestellt haben". Die Bürger in der damaligen DDR hätten gedacht, es würde schon bald so wie im Westen. Im Westen habe hingegen die Erwartung vorgeherrscht, dass sich nichts ändern würde. "Im Wesentlichen haben wir es geschafft", sagte Schäuble. "Also: Hören wir auf zu jammern."

Umfragen spiegeln allerdings 16 Jahre nach der Wiedervereinigung ein differenziertes Bild. So spielt für 54 Prozent der Berliner die Unterscheidung zwischen Ost und West keine Rolle mehr, wie eine Umfrage der "Berliner Morgenpost" in Zusammenarbeit mit den Radiosendern rs2 und Berliner Rundfunk zeigte. 35 Prozent meinten, die Differenz spiele nur noch eine kleine Rolle. Nur elf Prozent sagten, das Thema Ost oder West spiele für sie noch eine große Rolle. TNS Emnid befragte vom 25. bis zum 28. September 1000 wahlberechtigte Berliner.

Ostdeutschen unzufriedener als die Westdeutschen

Allerdings sind die Ostdeutschen nach wie vor unzufriedener als die Westdeutschen. Während jeder zweite Westdeutsche mit dem Funktionieren der Demokratie im vereinten Deutschland zufrieden ist, sind es in Ostdeutschland nur 27 Prozent, wie eine vom "Spiegel" veröffentlichte repräsentative Umfrage der Universität Leipzig ergab. Auch das Vertrauen in die Verfassungsorgane, vor allem in die Bundesregierung und die politischen Parteien, ist im Osten noch immer wesentlich geringer als im Westen. Befragt wurden insgesamt über 3800 west- und rund 950 ostdeutsche Bürger ab 14 Jahren.

Die Staatssekretärin im Sozialministerium Sachsen-Anhalt, Christiane Dienel, erwartet, dass sich die Lebensverhältnisse in Ost und West erst 2020 angleichen werden. "Gar keine Unterschiede wird es nie geben", sagte sie im Deutschlandfunk. Durch die Abwanderung vor allem junger Leute sei der Osten "schon ein Stück weit ausgeblutet". (tso/AFP)

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