Tag der Deutschen Einheit : Wir leiden unter verstopfter Zornabfuhr

Wir haben nicht zu viel, sondern zu wenig Streit. Entstanden ist eine Nation von Misstrauischen, in der sich kaum jemand vorstellen kann, dass auch die andere Seite Gutes im Sinn hat. Ein Kommentar.

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Nicht schön. Ein Anhänger der islamfeindlichen Pegida-Bewegung trägt weiße Socken mit der Flagge Deutschlands. Foto: dpa
Nicht schön. Ein Anhänger der islamfeindlichen Pegida-Bewegung trägt weiße Socken mit der Flagge Deutschlands.Foto: dpa

Wenn Eltern sich streiten, leiden die Kinder. Das wiederum bricht den Eltern das Herz. Manchmal beschließen sie dann, ins Nebenzimmer zu gehen oder die Auseinandersetzung zu vertagen. Allerdings gibt es etwas, das schlimmer ist, als sich vor Kindern zu streiten – nämlich dauerhaft den Ärger herunterzuschlucken. Das führt zur Verstopfung der Zornabfuhr. Kinder müssen lernen, dass auch Eltern sich streiten. Wenn sie außerdem lernen, wie man das tut und sich anschließend wieder verträgt, reifen sie daran.

Deutschland, so lautet ein gängiger Befund, sei zerrissen, der Ton rau geworden, die Befindlichkeit aggressiv. West gegen Ost, Unten gegen Oben, Einheimische gegen Migranten, Bürger gegen Politiker – und umgekehrt. Doch der Eindruck, dass über alles in aufgedrehter Volumenstärke debattiert wird, täuscht. Vielmehr laufen die Erregungs- und Verdrängungsprozesse parallel. Oft wird nur deshalb so laut geschrien, weil leise Töne keinen Resonanzraum finden. Und die Polemik wird erst wirksam, nachdem sich der herrschaftsfreie Diskurs als verständnisinniges Kopfnicken vieler Gleichgesinnter entpuppt hat. Wer redet schon gern gegen Mauern an?

Das spürte die 68er Generation, als sie über Faschismus, die Ermordung der Juden und den Zweiten Weltkrieg sprechen wollte. Das spürten die Europa-Kritiker, als ihnen entgegnet wurde, dass das große Einheitswerk wegen Hitler und des Friedens in Europa nicht gefährdet werden dürfe. Das spürte die Friedensbewegung, als man sie bezichtigte, Moskaus fünfte Kolonne zu sein. Und es war nach der Wiedervereinigung zu spüren, als es hieß, wer die Unterschiede thematisiere, vertiefe die Spaltung. Statt dessen sollten sich Wessis und Ossis lieber ihre Geschichten erzählen. Alle Ecken und Kanten wurden durch Runde Tische nivelliert. Bloß nicht vor den Kindern streiten!

Dissens wurde schnell in die Nähe von Ausländerfeindschaft gerückt

Nein, es gab damals nicht zu viel, sondern zu wenig offenen Streit. Es schien, als hätten Wessis und Ossis Angst vor ihren Gefühlen, ihren Ressentiments, ihren Differenzen gehabt. Dennoch waren 78 Prozent der Deutschen überzeugt davon, ihre politische Meinung frei sagen zu können. Dieser Wert, erhoben vom John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung, ist heute mit 57 Prozent auf einem historischen Tiefstand. Das zeigt, als wie stark tabuisiert der öffentliche Diskurs wahrgenommen wird. Von wegen Streitkultur!

Die Erfahrung seit der Aufnahme von Hunderttausenden von Schutzsuchenden trug dazu bei. Früh geäußerte Bedenken besorgter Bürger – Kontrollverlust, Terror-Import, Fremdheitsgefühle, Macho-Gehabe – wurden mit Verzögerung oder als Folge dramatischer Ereignisse wie in der Silvesternacht in Köln thematisiert. Die erschreckenden Erfolge der AfD haben auch mit jener einst übersprudelnden Willkommenseuphorie zu tun, die jede Art von Dissens schnell in die Nähe von Ausländerfeindschaft rückte.

Zurück blieb eine Nation von Missverstandenen, in der sich kaum jemand vorstellen kann, dass auch die andere Seite Gutes im Sinn hat. Wächst jedoch aus vielen Missverständnissen großes Misstrauen, dient Streit nicht mehr der Klärung der Positionen, sondern nur noch dem Niederringen des Gegners. Streit muss sein, in jeder Ehe, in jeder Gesellschaft. Dabei aber darf das gemeinsame Fundament, um das es geht, nicht aus den Augen verloren werden. Zumindest so viel Einigkeit in Deutschland sollte sein.

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