Politik : Tag der Einheit: Kohls Lob oder: Die hohe Schule des Hohns

Stephan-Andreas Casdorff

Die Chronologie eines Zerwürfnisses, Teil II. Diesmal geht es um Großes, speziell: um die Einheit. Helmut Kohl, genannt der "Kanzler der Einheit", und Wolfgang Schäuble als "Architekt der Einheit" - sie sind in der Geschichte untrennbar miteinander verbunden, auch wenn sich nun, im Rückblick, manches scheidet. Doch wie sagt selbst Kohl, kurz vor dem Jubiläum? Der Einheitsvertrag sei eine große Leistung des damaligen Bundesinnenministers gewesen.

Um einmal noch vor den Einheitsfeiern, die auf CDU-Seite vor allem Kohls Verdienste umfassen werden, einem Teil der Wahrheit die Ehre zu geben: Es war Schäuble, der auf die Idee kam, alles in einem großen Vertragswerk niederzulegen; Schäuble, der jeden Passus durchging. Im Innenministerium brannte immer Licht. Schäuble und seine Beamten, wie er, der frühere Regierungsrat im Finanzamt, zu betonen nie vergisst. Auf die Details kam es ja dann an. Wer damals Fragen hatte: Schäuble! Wie so oft. Wie zum Schluss immer. Damals machte er sich allmählich auf den Weg zum "Innenkanzler". Auf dem Weg zur Einheit begleiteten ihn (was er zu betonen auch nie vergisst): Günther Krause als DDR-Staatssekretär und Lothar de Maizière als letzter DDR-Ministerpräsident.

Herr im eigenen Kopf

Der Kanzler holte den Schlüssel in Moskau. Seine Frau hämmerte den Zehn-Punkte-Plan auf der Schreibmaschine, Rupert Scholz gab juristischen Rat. Kohl ging lange spazieren mit Michail Gorbatschow und besuchte George Bush und James Baker. Kohl ärgerte sich über Maggie Thatcher, die furiose Konservative, und freute sich über Felipe Gonzalez, den Brandtschen Sozialdemokraten. Der Kanzler war unterwegs als Chefdiplomat. "Ich wollte Deutschlands Einheit", ließ Kohl dann später unter diesem Titel schreiben. "Der Vertrag. Wie ich über die Deutsche Einheit verhandelte", schrieb Schäuble. Wollen und Wissen, vereint. Wenn auch nicht in einem Buch.

Und nun, zehn Jahre danach, das öffentliche Lob von Kohl. Das ist der Hohn: Er nimmt Schäubles Feindschaft nicht an und nicht ernst. Der Ex-Kanzler und Ex-Ehrenvorsitzende will sie schlicht nicht wahrhaben. Kohl geht auf Schäuble zu, auch buchstäblich, er greift sich dessen Hand, auch in Wirklichkeit. Und warum das alles? Weil er Herr im eigenen Kopf bleiben will. In der Unionsfraktion, in der er wieder sitzt, wird Kohl genau beobachtet. Das ist das einhellige Urteil: Er sieht sich anders, hat seine eigene Wirklichkeit, seine eigenen Wahrheiten. Danach ist alles, was der Einheit folgte, nicht so tragisch. Wer so denkt, kann Schäuble nicht verstehen. Wer so denkt, denkt auch, dass Schäuble ihn doch verstehen muss. Und der ist auch überzeugt, noch immer Schäubles Freund zu sein.

Dabei hat Schäuble nie gesagt, dass sie einander als Freunde verbunden seien. Nicht einmal in seinen schlimmsten Zeiten, kurz nach dem Attentat, als Kohl mit Tränen der Rührung ans Krankenbett trat. Und nicht einmal in ihren besten Zeiten. Das Wort Freundschaft war ihm stets zu groß für ihr Verhältnis.

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