Politik : "Tag der Heimat": Auch für die SPD eine alte Heimat

Stephan-Andreas Casdorff

Die Konservativen unter den Vertriebenen werden sagen: Schuld ist ja eigentlich die SPD selber. Bis sie ihre Politik der Aussöhnung und Öffnung nach Osten begann, kurz: die Entspannungspolitik, war noch alles Ordnung im Verhältnis zwischen den Heimatvertriebenen und den Sozialdemokraten. Der Willy Brandt, der war doch auch irgendwie ein Vertriebener, einer, der seine Heimat wegen Hitler verlassen musste ...

Aber dann, vor 30 Jahren, machte nicht nur Brandt seine berühmte Ostpolitik, sondern es wurde auch Herbert Czaja der Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen. Und der Christdemokrat konnte es nicht lassen, gegen die Entspannungspolitik zu polemisieren. Im Bundestag, auf Tagungen seines Bundes. Bis 1994 war Czaja im Amt, und da hatte er schon viel Zeit.

Zum Schluss rührte sich dann doch allmählich der Widerstand: von Jüngeren. Der Versuch, den Kollegen und alten Kämpfer Czaja zu mäßigen, hatte allerdings auch nur mäßigen Erfolg. Immerhin änderte sich ein wenig das Image des BdV. Da war zum Beispiel Hartmut Koschyk, damals junger Generalsekretär des Bundes, heute selbst Mitglied der Unionsfraktion des Bundestages, der neue Töne anschlug. Er klang schon nicht mehr so anklagend, so ewig nachtragend. Zumal die christlich-liberale Regierung Brandts Entspannungspolitik fortsetzte, bis hin zum Zwei-plus-vier-Vertrag und gegenseitigen Grenzverträgen in Europa. Damit brachte diese Koalition Deutschland die Einheit, aber auch vielen Vertriebenen endgültigen Verzicht.

Ja, so lange ist das alles schon wieder her, und doch ist Vieles noch so gegenwärtig. Für viele Sozialdemokraten (und später die Grünen) waren die Vertriebenen lange nur die Revanchisten; für viele Vertriebenen wurden die Sozialdemokraten (und später die Grünen) in der Czaja-Zeit eine geschichtslose, vaterlandslose Linke.

Dabei waren die beiden Vorgänger von Czaja, Wenzel Jaksch und Reinhold Rehs, Sozialdemokraten, einer aus dem Sudetenland, der andere aus Ostpreußen. Es waren überhaupt etliche Sozialdemokraten unter den Vertriebenen, sind es auch heute noch. Zu den prominenten Vertretern zählt Peter Glotz, der aus Eger stammt und lange Jahre unter Willy Brandt in der SPD-Zentrale die Geschäfte geführt hat. Und noch heute hinter den Kulissen Politik macht. Auch im Sinne der Vertriebenen. Also wenn der Bund der Vertriebenen heute mit der SPD-geführten Regierung nicht zurechtkommt: selber schuld.

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