Tag der offenen Grenzen : Wie die Flüchtlinge nach Deutschland kommen

10.000 Flüchtlinge an einem Tag: Sie haben eine lange Reise hinter sich. Doch nun sind viele von ihnen an ihrem Wunschort angekommen.

Reinhard Frauscher
Flüchtlinge, die mit einem Zug aus Salzburg in München ankommen.
Flüchtlinge, die mit einem Zug aus Salzburg in München ankommen.Foto: dpa

Es ist vier Uhr in der Früh am Samstag, als am wichtigsten ungarisch-österreichischen Grenzübergang Nickelsdorf die ersten Busse mit Flüchtlingen ankommen. Nach einem langen Fußmarsch waren sie zuvor an der Autobahn von Budapest nach Wien aufgenommen worden in die Fahrzeuge. Nun müssen sie die Grenze wieder zu Fuß überqueren, im strömenden Regen und nach einem Temperatursturz von 15 Grad. Versuche der österreichischen Behörden, die ungarischen Busse zumindest bis zum Bahnhof von Nickelsdorf zu führen, sind von den ungarischen Behörden abgelehnt worden. Innerhalb von Minuten sind die Flüchtlinge am Übergang durchnässt, erschöpft sind sie sowieso. Obwohl die meisten von ihnen junge, kräftige Männer sind, sieht man ihnen die Strapazen an. Rotes Kreuz und Caritas versorgen sie mit Decken, Nahrung und Zuspruch. Danach werden sie mit den schon wartenden österreichischen Bussen und mit Sonderzügen weiter nach Wien zum Westbahnhof gebracht, ihrer nächsten Station – auf dem Weg nach Deutschland.

Und der Menschenstrom aus Ungarn, wegen dem zeitweise sogar die Autobahn gesperrt war, reißt nicht ab. Im Gegenteil: Allein bis Samstagmittag kommen 6500 Flüchtlinge, überwiegend syrischer Herkunft, über diese Grenze. Im Laufe des Tages werden es auch immer mehr Familien und Frauen mit Kindern. Eine weint bei der Ankunft in Österreich. Die Nachfrage des Dolmetschers ergibt: Aus „Erleichterung, nicht Verzweiflung“. Gegen Mittag gibt es dann Irritationen, wie so oft in den vergangenen Tagen. Ungarn hätte die Bustransfers aus Budapest und anderen Orten gestoppt, heißt es. Eine Gruppe von Flüchtlingen soll nun wieder zu Fuß unterwegs sein.

Die österreichische Hilfe ist inzwischen gut organisiert. Am Vormittag fahren die Busse und Züge jede halbe Stunde in Nickelsdorf ab. Nächster Fixpunkt für alle Flüchtlinge ist wie schon seit Tagen der Wiener Westbahnhof. Auf Gleis eins ist das Einsatz- und Versorgungszentrum, das die österreichischen Behörden und Hilfsorganisationen aufgebaut haben. Hierher werden die vielen, vor dem Bahnhof gesammelten Spenden gebracht. Feste Kleidung für die meist nur hochsommerlich ausgerüsteten Flüchtlinge, Essen, Getränke, Hygieneartikel und ganz besonders auch Spielzeug für die Kinder. Es gibt medizinische Versorgung, die aber nach der Erstversorgung in Nickelsdorf selten in Anspruch genommen wird, es gibt Dolmetscher und sogar eine Rechtsberatung. Immer mit Assistenz von Syrern und Arabern, die schon lange in Wien leben und ihren Landsleuten und Glaubensbrüdern helfen.

"Gehen Sie nicht nach Ungarn"

Der Aufenthalt der Flüchtlinge am Westbahnhof dauert am Samstag oft nur mehr Minuten, selten länger als eine Stunde. Denn die Züge nach Salzburg warten schon. Bis zum Nachmittag fahren zwei Sonderzüge, und an jedem der fahrplanmäßig verkehrenden Züge hängen zusätzlich noch vier bis fünf Waggons für die Flüchtlinge. Von Salzburg geht es ebenso zügig weiter nach München. Überall sind auch Polizisten präsent, aber untätig. Flüchtlinge kontrollieren sie nur sehr selten, und auch das Warten auf deren Asylanträge ist vergeblich: Alle wollen weiter nach Deutschland.

„Germany“ ist das wohl am meisten ausgesprochene Wort vor Ort. „Don’t go to Hungary!“, sagt ein Flüchtling. „Gehen Sie nicht nach Ungarn!“ Wie das die anderen, noch Hoffnungsvollen, die unterwegs oder gar noch zu Hause sind, hören und verstehen sollen, ist zwar schleierhaft. Aber es dürfte die Stimmung bei den Flüchtlingen richtig wiedergeben. Ungarn ist ab jetzt bei ihnen verhasst, darauf lassen auch die Äußerungen der anderen schließen. Insgesamt sind es an diesem Samstag 10000 Flüchtlinge, die über die Grenze nach Österreich kommen. So viele gab es zuletzt 1956, als die Sowjets in Budapest einmarschierten und den Ungarn-Aufstand blutig niederschlugen. Täglich sollen nach Informationen der österreichischen Behörden 3000 weitere die Grenze überqueren. Wie lange, ist völlig offen.

Die Töne in der österreichischen Politik und den Medien waren dementsprechend schon am Samstag nahezu heroisch: „Grenzbalken auf für die Menschlichkeit“, sagte Bundeskanzler Werner Faymann auf einer öffentlichen Routine-Tagung seiner SPÖ. Er habe „am Freitagnachmittag die Anfrage der ungarischen Regierung bekommen, ob Österreich den Zug der in Budapest zu Fuß gestarteten Flüchtlinge durchlassen will“, berichtete Faymann. Daraufhin habe er Rücksprache mit Bundeskanzlerin Angela Merkel gehalten. Erst nach ihrer Erklärung, dass die Flüchtlinge ohne Beschränkung und Kontrollen in Deutschland willkommen wären, habe „Österreich grünes Licht“ gegeben für die Aktion „Balken hoch“.

Kritik am Nachbarn Ungarn

Ungarn kritisierte Faymann für das „Chaos“. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) assistierte dabei: Ungarns Vorgehen sei „schwer nachvollziehbar“ und „nicht zufriedenstellend“, die Zusammenarbeit sei „äußerst schwierig“. Damit gestanden Faymann und Mikl-Leitner indirekt ein, dass die Aufnahme der Flüchtlinge ohne Deutschlands Übernahme-Garantie wohl doch nicht so selbstverständlich gewesen wäre. Und auch, dass Österreich weiterhin die EU-Regeln bewusst missachtet. Rein rechtlich müsste Österreich nicht nur die Personalien der meisten Flüchtlinge aufnehmen, sondern sie auch im Lande behalten, zumindest bis ihr Status geklärt ist. All das passiert derzeit nicht: Denn alle Flüchtlinge wollen nach Deutschland, am Samstag stellten lediglich zehn von ihnen Anträge auf Asyl in Österreich.

Faymann wollte und konnte offenbar auch nicht sagen, wie lange dieser gesetzlose Zustand unkontrollierter Einwanderung und offener Grenzen anhalten wird und soll. Offenbar so lange, bis eine „europäische Lösung“ für die Verteilung der Flüchtlinge gefunden ist. Dass die fast ausschließlich nur nach Deutschland mit seinen hohen Sozialleistungen und niedrigen Immigrationshürden wollen und keinesfalls in ärmere EU-Länder, ja nicht einmal in das ebenso wohlhabende Österreich, scheint Faymann so wenig zu kümmern wie Merkel. Österreichs Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) sah das etwas realistischer nach dem erfolglosen EU-Außenministerrat in der Nacht zum Samstag: „Wir haben eine verfahrene Situation in Europa.“ Zumindest die Flüchtlinge, die gleichzeitig in Nickelsdorf ankamen, profitierten davon.

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