Politik : Tagebuch einer Staatsaffäre

Nach dem Abschluss der Anhörung hat Lordrichter Hutton alle Fakten auf dem Tisch: Wie kam es zu Kellys Selbstmord?

Matthias Thibaut[London]

„Wir sollten Kelly nicht dazu benutzen, Presseberichte zu korrigieren.“

Blairs Vertrauter

Sir David Omand

am 4. Juli

„Damit würde Gilligan in der Scheiße sitzen.“

Eintragung von Blairs Kommunikationschef Alastair Campbell am 4. Juli in sein Tagebuch

Am 24. September 2002 veröffentlichte die britische Regierung das Dossier mit dem Titel „Iraks Massenvernichtungswaffen". Fast genau ein Jahr später wurde im Saal 73 des Londoner Royal Court of Justice die Zeugenvernehmung der Hutton-Untersuchung abgeschlossen, ausgelöst durch den mutmaßlichen Selbstmord des Waffenexperten David Kelly, Kronzeuge für die BBC und ihre Kritik an diesem Dossier. 22 Anhörungstage, 74 Zeugen, Hunderte von Dokumenten und E-Mails haben eine detaillierte Chronologie der Ereignisse produziert. Nie wurde eine amtierende Regierung so unter die Lupe genommen. Aus den Mosaiksteinen ergibt sich der Verlauf der Kelly-Affäre:

22. Mai 2003. Im Hotel „Charing Cross“ trifft David Kelly, Waffenexperte im Verteidigungsministerium, mit BBC-Reporter Andrew Gilligan zusammen. Da sich nach dem Krieg keine Waffen fanden, war Kritik laut geworden. Journalisten begannen, Fragen zu stellen. Gilligan tippt in seinen Taschencomputer: „Verwandelt Woche vor Veröff. um sexier zu machen. ".

29. Mai, 6.07 Uhr. Im Morgenprogramm der BBC berichtet Gilligan über die Verschärfung des Irak-Dossiers eine Woche vor Veröffentlichung: „Die Regierung ordnete an, es sexier zu machen". Die Behauptung, der Irak könne Angriffe in 45 Minuten starten, wurde eingefügt, „obwohl die Regierung wusste, das es falsch war". Die BBC und Reporter Gilligan geben später zu, dass beides falsch war.

1. Juni. In der „Mail on Sunday" setzt Gilligan nach. „Ich fragte meine Geheimdienstquelle, warum Blair uns über Saddams Massenvernichtungswaffen täuschte. Seine Antwort? ... CAMPBELL."

6. Juni. Blairs PR-Chef Campbell schreibt an BBC-Nachrichtenchef Sambrook: „Die Berichte erwecken den Eindruck, die Regierung habe Großbritannien auf Grundlage einer Lüge in den Krieg geführt".

19. Juni. Gilligan wird vom Unterhaus-Ausschuss angehört. Kelly teilt seinen Vorgesetzten mit, er habe ein nicht autorisiertes Treffen mit Gilligan gehabt.

27. Juni. In einem 10-Seiten-Brief an Campbell stellt sich die BBC voll hinter Gilligan: Es werde lediglich Kritik einer anonymen Quelle berichtet. Intern übt die BBC aber Kritik an Gilligans Sprachgebrauch.

4. bis 6. Juli. Regierungsbeamte warnen Kelly, dass eine „öffentliche Stellungnahme" nötig werden könne. Sir David Omand von Blairs Kabinettsministerium in einer E-Mail: „Wir sollten Kelly nicht dazu benutzen, Presseberichte zu korrigieren". Campbell und Verteidigungsminister Hoon wollen jedoch Kellys Namen veröffentlichen. Campbell schreibt in sein Tagebuch: „This would fuck Gilligan". (etwa: „Damit würde Gilligan in der Scheiße sitzen.“)

8. Juli. Das Verteidigungsministerium teilt mit, ein „Beamter" habe zugegeben, mit Gilligan gesprochen zu haben. Nachdem es am Vortag noch eine andere Anordnung gegeben hatte, erhalten Pressesprecher des Verteidigungsministeriums Anweisung, Kellys Namen zu bestätigen, wenn er von Journalisten genannt wird.

11. Juli. Kelly ist vor der Presse nach Cornwall geflohen und erfährt, dass er vor den Ausschüssen aussagen muss. Nach einer Unterrichtung Kellys am 14. Juli schreibt sein Vorgesetzter: „Er wird mit dem Druck nicht gut fertig.“ Der stellvertretende Vorsitzende der Untersuchungskommission, James Dingemans: „Es gibt einige Hinweise, dass die Regierung die Ausschüsse benutzte, um Kellys Namen an die Öffentlichkeit zu bringen.“

17. Juli. Auch Gilligan wird vor den außenpolitischen Ausschuss zitiert. Kelly hat sich zu diesem Zeitpunkt zu seinem letzten Spaziergang aufgemacht. Im Wald schneidet er sich die Pulsader auf.

23. September. In letzter Minute wird in der Hutton-Untersuchung die folgende E-Mail von Blairs Stabschef Jonathan Powell an den Verfasser des Dossiers, John Scarlett, bekannt: „Die Erklärung auf Seite 19, dass Saddam Hussein Chemiewaffen einsetzt, wenn er angegriffen wird, ist problematisch. Sie stützt das Argument, dass es keine Bedrohung durch Chemie- und Biowaffen gibt und wir diese nur durch einen Angriff schaffen. Der Absatz muss geändert werden.“

Lordrichter Brian Hutton wird seinen Bericht spätestens im Dezember vorlegen.

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