Politik : Tagesspiegel-Leser spenden 315 000 Mark für den Kosovo

Frank Rothe

Es ist ruhig geworden. Auf den Schreibtischen im Friedrichshainer HCC-Büro (Humanitäre Nothilfeprogramme Weltweit) ist das Papierchaos einer gewissen Ordnung gewichen. Die Kaffeetassen stapeln sich in der Küche nicht mehr über den Waschbeckenrand hinaus, und die Berliner Mitarbeiter von HCC atmen regelmäßiger. Ihre Hektikattacken und Schweißausbrüche gehören der Vergangenheit an. Im Berliner Büro herrscht derzeit ein neuer Rhythmus - es ist der Alltag ohne eine akute Krise.

Pressesprecherin Christine Jubisch meint, dass das nächste Ziel von HCC die Aufbauarbeit in Albanien sei. "Als das Erdbeben in der Türkei losging, wollten wir eigentlich auch dorthin, aber dann mussten wir feststellen, das unsere Kräfte dafür nicht ausgereicht hätten. Außerdem machen wir lieber das richtig zu Ende, was wir angefangen haben", sagt sie. Während der Krise im Kosovo gingen bei HCC 650 000 Mark Spendengelder ein. 315 000 Mark kamen von Lesern des Tagesspiegels. "Es gab auch Privatpersonen, die auf Geschenke verzichteten und Geld spendeten. Einmal kam es zu einer Einzahlung mit dem Stichwort Beerdigung. Da hatte jemand auf seinen Grabschmuck verzichtet und gespendet", sagt Jubisch.

Die Mitarbeiter von HCC haben in den letzten Monaten einiges erlebt. Immer wieder kamen oder fuhren die eigenen Leute nach Albanien und später auch ins Kosovo, um vor Ort Lebensmittel auszufahren oder Feldküchen zu unterhalten. Überall fehlte es an Material. Im April hatte das HCC-Team im albanischen Kukes zwar genügend Suppenküchen, aber keine Jeeps, um sie zu transportieren. Ein anderes Mal fiel das Satelitentelefon aus, die einzige Direktverbindung von Kukes nach Deutschland. "Von den Spenden ist kaum etwas übrig geblieben", sagt die Sprecherin und führt weiter aus: "Der Löwenanteil ging für Lebensmittel drauf. Über 400 000 Mark. Cirka 157 000 Mark wurden für Hygieneartikel ausgegeben und 28 800 für Feldküchen."

Derzeit unterhält HCC vier Projekte im Kosovo. Zwei von ihnen werden vom Auswärtigen Amt finanziert - der Wiederaufbau von 100 Häusern in Suva-Reka, nördlich von Prizren und die Verteilung von Baumaterialien. Weiterhin beteiligt sich HCC außerdem am Wiederaufbau von Schulen in dem von deutschen KFOR-Soldaten kontrollierten Gebiet von Suva-Reka. Sie sollen einmal Platz für 2300 Schüler bieten. Neben diesen Unternehmen existiert noch ein Sozialprojekt, dass die Wiedereingliederung von Vertriebenen fördert. "Auch Frauen, deren Männer von den Serben ermordet wurden, werden im Rahmen dieses Projekts betreut", sagt Jubisch. Dann schaut sie auf die Wanduhr in dem Zimmer ihres Chefs Thomas Berger, der momentan im Kosovo ist. Die Zeiger gehen rückwärts und zeigen damit penetrant in die Richtung, aus der HCC einmal kam. Aus dem Nichts. 1990 organisierten Thomas Berger und Rüdiger Luchmann einen Lebensmittel Transport in ein Moskauer Kinderheim. Aus dieser und ähnlichen Aktionen entstand der "Verein für humanitäre Hilfe für die Völker Osteuropas", noch heute einer der Hauptgesellschafter von HCC. 1994 wird aus dem Verein heraus die gemeinnützige GmbH HCC gegründet. Thomas Berger studierte für diesen Job BWL. Heute gehört HCC immer noch zu den kleinen Hilfsorganisationen Deutschlands. "Aufgrund dieser Größe können wir sehr flexibel reagieren", betont Jubisch. Was hat man von der Krise im Kosovo lernen können? "Wir haben jetzt die Erfahrung, länger in solchen Krisengebieten zu bleiben, besonders auch nach der akuten Krise, in der Zeit der Destabilität", fasst die Sprecherin zusammen. Dann geht die Tür des Büros auf. Marilena Schatziantoniou kommt herein. Die junge Frau hatte monatelang das HCC Büro in Tirana geleitet, kaum geschlafen, wenig gegessen, und ständig wollte sie aufhören. Trotzdem hat sie weiter gemacht. Seit einem Monat ist sie in Berlin und meint: "Vorher lief mein Leben zwei Mal so schnell. In Ländern wie Albanien sieht man direkt die Resultate seiner Arbeit. Nicht mehr lange, dann werde ich wieder dieses Kribbeln im Bauch haben und losziehen."

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