Taiwan und China : Zur Kooperation gezwungen

Taiwan nähert sich China an.

Bernhard Bartsch

Taipeh - Chiang Pin-kung schaut sich gerne selber ins Gesicht. An den Wänden seines Büros in einem Taipeher Hochhaus hängen gleich mehrere Ölporträts, die ihn in staatstragender Miene zeigen, daneben Fotos von den wichtigsten Handschlägen seiner Karriere, darunter einer mit Chinas Staatspräsident Hu Jintao. An diesem Wochenende dürfte die Kollektion um ein paar weitere Schnappschüsse anwachsen: Der 76-jährige Vorsitzende der Stiftung für die Beziehungen in der Taiwanstraße leitet die taiwanesische Verhandlungsdelegation, die am Samstag zu Gesprächen über eine weitere Annäherung mit der Volksrepublik in die ostchinesische Stadt Nanjing reist. „Wir werden eine Reihe von Wirtschaftsabkommen unterzeichnen“, erklärte Chiang wenige Tage vor seiner Abfahrt im Gespräch mit dieser Zeitung.

Das Treffen ist das dritte seit dem Amtsantritt des taiwanesischen Präsidenten Ma Ying- jeou im Mai vergangenen Jahres. Ma hat die konfrontative Unabhängigkeitspolitik seines Amtsvorgängers Chen Shui-bian umgehend in einen wirtschaftsfreundlichen Pro-China-Kurs umgekehrt, den Peking mit weitgehenden Zugeständnissen belohnt hat. Seit vergangenem Dezember gibt es zwischen den beiden Chinas direkte Flug-, Schiffs- und Postverbindungen.

Chiangs eigentlicher Auftrag ist allerdings ein anderer: Er soll gegenüber seinem chinesischen Verhandlungspartner Chen Yunlin darauf drängen, möglichst bald mit konkreten Gesprächen über ein Freihandelsabkommen zu beginnen. Weil China mit den südostasiatischen Asean-Staaten ab 2010 schrittweise seine Zölle abbauen will, droht Taiwan die wirtschaftspolitische Isolation. Da die Volksrepublik Taiwans mit Abstand größter Handelspartner ist, habe der Inselstaat keine andere Wahl, als mit dem großen Nachbarn zu kooperieren, argumentiert deshalb Präsident Ma. Allerdings gefährdet Taiwans wirtschaftliche Abhängigkeit die politische Unabhängigkeit.

Parris Chang, Präsident des taiwanesischen Instituts für politisch-strategische Studien, glaubt, dass Taiwan durch ein Freihandelsabkommen „de facto zu einer chinesischen Sonderwirtschaftszone“ werde. Seine militärische Macht braucht China deshalb immer weniger auszuspielen. Bernhard Bartsch

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