Taktische Reserve : Die Truppenstärke der Deutschen in Afghanistan ist unklar

Die Zahl der Soldaten am Hindukusch wird gern vernebelt – besonders in Deutschland. Die Gründe hänge davon ab, ob man mit einem Politiker oder dem Militär spricht.

Ingrid Müller
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Wo bleibt der Nachschub? Ein Bundeswehrsoldat am Stadtrand von Kundus. Während die USA ihre Truppen aufstocken, verstecken sich...Foto: ddp

BerlinMit Zahlen ist das so eine Sache. Wenn es um deutsche Soldaten im Ausland geht, erst recht. Das gilt besonders für den Nato-geführten Einsatz der Internationalen Schutztruppe in Afghanistan (Isaf). Seit einiger Zeit gibt es offenbar die Anforderung, jede Schnelle Eingreiftruppe der fünf Regionalkommandos im Land, die sogenannte Quick Reaction Force (QRF), solle Bataillonsstärke haben. Die Sicherheitslage im Land hat sich weiter verschlechtert, und die QRF ist die Feuerwehr der Truppe. Wenn es für andere Soldaten brenzlig wird, sollen die Männer der QRF sie raushauen.

Die QRF im Norden stellt seit Juli vergangenen Jahres die Bundeswehr, gestartet ist sie mit 205 Mann. Aber was ist ein Bataillon? Darüber gibt es bei den Militärs völlig unterschiedliche Auffassungen. Einer sagt, das sind nach Nato-Vorstellungen 600 bis 800 Mann. Ein anderer, das können bei der Bundeswehr auch nur 300 Mann sein, der nächste spricht von 400 bis 600. Ein weiterer hat 1000 Mann im Angebot. Reden wirklich alle über das Gleiche? Klar ist nur: Solange die Definition nicht genau ist, können alle sagen, die Forderung sei erfüllt. Über konkrete Truppenstärken wird ohnehin nicht gern geredet. Aus Taktik - und da kommt es wieder drauf an, ob Militärs oder Politiker befragt werden. Militärs wollen nicht, dass das Publikum zu viel weiß. "Wenn ich Taliban wäre, wäre ich froh, wenn ich wüsste, wie die Truppen aufgestellt sind", begründet der Isaf-Sprecher, Brigadegeneral Richard Blanchette, die Geheimniskrämerei bei den Zahlen.

Die Ansagen bleiben vage

Die Bundeswehr aber ist eine Parlamentsarmee, die politisch Verantwortlichen werden ungern nach mehr Soldaten gefragt. Das kommt bei den Bürgern nicht gut an. 2008 beschloss der Bundestag , die Höchstzahl von 3500 auf 4500 anzuheben - unter anderem um beim Wechseln der Kontingente die Obergrenze des Mandats nicht zu überschreiten. Zudem war die Rede davon, man müsse sich für die im Sommer 2009 geplanten Wahlen in Afghanistan wappnen. Die Einsatzliste weist zurzeit 3560 Bundeswehrsoldaten im Einsatz aus. Ohne weitere Debatte im Bundestag können also 940 Mann mehr an den Hindukusch verlegt werden. Werden die in Marsch gesetzt? Wieder kommt Taktik ins Spiel. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hat bei der Münchner Sicherheitskonferenz angekündigt, die QRF werde verstärkt. Das klingt kraftvoll. Zahlen will aber bisher niemand nennen. Damit will man zu geeigneter Zeit punkten. Die Rechnung heißt: Wie verkaufen wir das, was wir machen, am besten? Also nicht zu früh rühren. Die Wirkung bei den Verbündeten könnte verpuffen.

Dann preschten Nato-Diplomaten vor: Deutschland schicke 600 zusätzliche Soldaten für die Wahlen, auch für die QRF. Offizielle Bestätigung aus Berlin? Fehlanzeige. Wieder hantieren Fachleute mit unterschiedlichen Zahlen. Wenn 600 Mann mehr für das Regionalkommando gewünscht seien, wären das nicht unbedingt 600 aus Deutschland. Im Norden haben zwar die Deutschen das Kommando, aber dort sind auch Soldaten anderer Nationen, Norweger etwa oder Schweden. Schicken die Verstärkung? Sind sie eingerechnet? Und: Ist es nur eine Aufstockung zur Wahl? Die Planer gehen davon aus, dass am 20. August gewählt wird. Das hieße Unterstützung ab Mitte Juli. Deutsche Soldaten für diese Aufgabe könnten - bliebe die Lage ruhig - bereits vor Ende eines normalerweise viermonatigen Einsatzes nach Hause zurückfliegen.

Was ist mit der deutschen QRF? Die würde zwar vielleicht auch zur Wahl eingesetzt, aber die Planer sehen vor, dass dieser Teil der Truppe dauerhaft aufgestockt wird. Diese Soldaten sollen bleiben. Es würden wohl rund 200 Deutsche mehr werden, sagt einer, der rechnet, im Moment habe die QRF rund 300 Mann. Da kann man zur Aufstockung vielleicht auch Teileinheiten mit einbeziehen, die bereits in Afghanistan sind. Doch auch hier gibt es rechnerischen Interpretationsspielraum. Isaf- Sprecher Blanchette will das Rätsel zwar auch nicht lösen, sagt aber: "Alles hängt davon ab, wo sie anfangen zu zählen und wo sie aufhören."

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