Taliban-Angriffe : "Wir sind im Krieg"

Im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan regiert der Terror. Es liegt nicht nur an den Taliban, sagen viele Einheimische.

Marc Thörner
Löschversuche. Pakistanische Feuerwehrleute nach dem Angriff auf einen Nato-Nachschubkonvoi am Mittwoch.
Löschversuche. Pakistanische Feuerwehrleute nach dem Angriff auf einen Nato-Nachschubkonvoi am Mittwoch.Foto: dpa

„Schluss mit den US-Drohnenangriffen. Wach auf, Regierung!“ Rund 20 Studenten haben sich an diesem Morgen vor dem Presseclub im pakistanischen Peschawar versammelt, Lärm machen sie wie hundert, schreien Slogans: Präsident Zardari solle aufhören, die pakistanische Souveränität an die Amerikaner zu verkaufen. Näher betrachtet, entpuppen sich die jungen Männer als freundlich, gut erzogen, beinahe bieder. Niemand von ihnen vergisst das „Sir“, am Ende jedes Satzes. Woher die Wut? Weil die US-Armee, sagt einer, dort immer wieder ungehindert zuschlägt, wie offenbar beim jüngsten Angriff mit einer Drohne, bei dem im Nordwesten acht Aufständische starben, darunter möglicherweise auch welche mit deutschem Pass. Und weil Pakistan wie eine Bananenrepublik behandelt werde. Nach einem Angriff von Nato-Hubschraubern auf pakistanischem Gebiet am Donnerstag hatten die Behörden eine Blockade gegen Nato-Versorgungstransporte nach Afghanistan verhängt. Und als vorläufiger Höhepunkt einer ganzen Serie von Anschlägen auf Nato-Fahrzeuge wurden am Mittwoch nahe der Stadt Quetta 20 Nachschublaster der Allianz angegriffen. Ein Fahrer wurde getötet, die Lastwagen in Brand gesetzt.

Um Shamim Shahid beim Teetrinken zu stören, bedarf es mehr als einer Demonstration. Der Präsident des Presseclubs äugt aus seinem Fenster, geht dann zum Schreibtisch zurück, setzt sich und deutet an die Decke. Die Kerben und Löcher dort stammen vom Selbstmordanschlag im Dezember 2009. Hätte er im selben Raum wie jetzt gesessen, er wäre wahrscheinlich umgekommen. Zufälligerweise verspätete er sich an jenem Morgen, hörte den Knall, sah aus der Entfernung den Rauch aufsteigen, blieb im Stau stecken und traf zusammen mit dem Chef des Frontier Corps ein, der traditionsreichen paramilitärischen Truppe, die seit britischen Zeiten die Grenzregion zu Afghanistan bewacht. „Der Kommandeur und ich trugen gemeinsam Tote und Verletzte weg. Ein guter Mann. Ausnahmsweise nicht korrupt. Schade um ihn. Vor zwei Monaten starb auch er – bei einem Selbstmordanschlag auf seinen Konvoi.“ So gehe es jetzt Schlag auf Schlag. Gestern traf es Dr. Faruk, den renommierten Religionsgelehrten. In seinen Gutachten pflegte er sich gegen Selbstmordattentate auszusprechen. Erschossen als er beim Abendessen saß. Shahid, ein schnurrbärtiger älterer Herr mit einer Vorliebe für Darjeelingtee atmet tief durch. „Wir sind im Krieg.“ Auch am Mittwoch kam es im Südwesten wieder zu einem Taliban-Angriff auf einen Nachschubkonvoi, die Laster gingen in Flammen auf, ein Speditionsmitarbeiter starb.

Dort war der Hintergrund klar, doch sonst kursieren über Ursachen des Terrors unterschiedliche Meinungen: Eine indische Verschwörung? Verkleidete US-Agenten, die Pakistan zerstören wollen? Entfesselte Geister, die der pakistanische Geheimdienst ISI einst beschwor und jetzt nicht wieder in die Flasche zurückbekommt? Sicher ist nur eins: Peschawar hat sich verändert.

Wie seit Menschengedenken teilt sich die Stadt ins quirlige Saddar-Viertel mit seinen Tonga-Kutschen, Motorrikschas und buntbemalten Bussen in den pittoresken Khyber Bazaar und das Cantonement, der Militärstadt, nach dem Sepoy-Aufstand,1857, von den Briten geschaffen – und von der pakistanischen Armee geerbt. Aber die Trennung, sonst eine liebenswert-nostalgische Erinnerung an Britisch-Indien, offenbart jetzt ihr brutales Wesen. Die Militärpolizisten an den Eingangsstraßen zum Cantonement tragen nicht mehr bunte Schärpen und Federbüsche und regeln nicht mehr zackig den Verkehr. Stattdessen stecken sie in kugelsicheren Westen, bewachen Checkpoints oder lugen aus MG-Stellungen hervor. Die Elite des Landes, die Privilegierten igeln sich ein, wie es die Briten nie getan haben: mit Stacheldraht, Betonwällen und MG-Nestern. Wer Uniform trägt, kann sich nicht mehr ungefährdet auf der Straße zeigen – ausgerechnet in Pakistan, das weniger ein Land mit einer Armee als eine Armee mit einem Land ist. Und diese Armee hat Angst. Sie weigert sich, Auskunft zu geben, die für die Stammesgebiete vorgeschriebenen Eskorten werden nicht mehr gestellt.

Eine Exkursion in die Khyber-Agency, um die Auswirkungen der Nachschubblockade zu studieren, die sich stauenden Lastwagen zu sehen, mit den Fahrern zu sprechen? Mr. Arif vom Presseamt schüttelt den Kopf. „Dafür braucht man Begleitschutz. Der würde aber selbst zum Ziel. Vergessen Sie’s.“

Um zu begutachten, wie sich die Unterbrechung der Nato-Nachschubroute auswirkt, bleibt nur: zu fahren, so weit es irgend möglich ist, nach Karkhano an den Rand der Stammesgebiete. Der so genannte Schmugglerbasar dort ist das pochende Herz des Transithandels: Am Rande der Straße, die zum Khyber-Pass führt, öffnen sich zwei- und dreistöckige Gebäude zu weitläufigen Höfen, auf denen Autos parken. Oben unterhalten die Manager ihre Büros, unten verkaufen Händler Haushaltselektronik. Zwei von ihnen räumen ohne Umschweife ein, dass alles hier geschmuggelt ist. Meistens aus China, durch Afghanistan hindurch. Was sie nicht sagen, weiß hier jeder: Die Manager im ersten Stock arbeiten für Auftraggeber in den großen Städten: Islamabad, Karatschi und Lahore, und diese Strippenzieher gehören zum pakistanischen Establishment. „Durch die Operationen der pakistanischen Armee und der Isaf stocken die Lieferungen“, klagen die beiden Händler und weisen auf die leeren Regale hinter sich. „Es kommen um die Hälfte weniger Kunden.“ Klar, dass die Blockade für Nato-Nachschub den Handel ebenfalls empfindlich stört. Denn weiter hinten in der Flucht der Höfe wird ganz anderes als Waschmaschinen präsentiert: Stiefel, Jacken, Isaf-Uniformen, US-Sturmgewehre und anderes, aus den Nato-Containern abgezwackt wurde .

In Hayatabad, unweit des Basars, wohnen in einer Art WG auch drei der Studenten die am Morgen demonstrierten. Inzwischen sitzen sie in ihren traditionellen Shalvar-Khamis-Gewändern beim Tee, noch freundlicher als vor dem Presseclub, und bereichern die Mutmaßungen über die Ursachen des Terrors mit einer weiteren Erklärung, dem Kürzel: „FCR“. Der von den Briten 1901 erlassene Frontier Crime Regulations Code gilt im Grenzgebiet zu Afghanistan auch heute noch. Ganze Stämme werden für die Taten Einzelner bestraft. Anstelle einer Gewaltenteilung und ordentlicher Gerichte herrscht ein „Political Agent“. Der allmächtige Abgesandte der Zentralregierung ist Ankläger, Richter und Polizeichef in einer Person. Warum erhält Islamabad die autonomen Stammesgebiete aufrecht? „Damit die Political Agents kleine Könige bleiben. Damit sie und ihre Hintermänner in Islamabad sich weiter am Grenzschmuggel bereichern und mit uns machen können, was sie wollen.“ Und die blockierte Nachschubroute? Die Studenten brechen in Lachen aus „Wird in ein paar Tagen oder Wochen wieder geöffnet. Was meinen Sie, wie viele Politiker in Islamabad daran verdienen!.“

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben