Taliban-Anschlag auf deutsches Konsulat : Islamistische Muskelspiele in Afghanistan

Sicherheitsexperten werten den Angriff auf das deutsche Konsulat als Schachzug psychologischer Kriegsführung. Die Taliban wollten ihre Kampfeskraft beweisen. Doch das ging schief.

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Bei dem Anschlag auf das deutsche Generalkonsulat starben mehrere Menschen.
Bei dem Anschlag auf das deutsche Generalkonsulat starben mehrere Menschen.Foto: imago/Xinhua

Die Sorgen werden größer. Sicherheitskreise nennen den Anschlag der Taliban auf das deutsche Generalkonsulat in Masar-i-Sharif ein „dickes Ausrufezeichen“ und befürchten gravierende Folgen. Die als ruhig geltende Region im Norden Afghanistans werde durch den Anschlag verunsichert. Bislang habe die Sicherheitslage im Distrikt Masar-i-Sharif als so stabil gegolten, dass sogar Flüchtlinge zurückkehrten. Die Taliban hätten nun mit dem Angriff am Donnerstag demonstriert, dass sie auch jenseits ihrer Hochburgen im Süden des Landes jederzeit zuschlagen wollen und können. Das gelte ebenso für die zwei Angriffe auf Kundus in diesem Jahr sowie für die Attacken in Kabul.

Sicherheitsexperten werten denn auch den Anschlag als Schachzug der psychologischen Kriegsführung der islamistischen Rebellen. Allerdings sei diesmal das Kalkül nicht ganz aufgegangen.

Die Taliban hätten offenkundig nicht nur ihre Landsleute beeindrucken wollen, sondern auch die Bundesrepublik. „Die wollten durchbrechen in das Konsulat und möglichst viele Deutsche töten“, sagt ein Sicherheitsexperte. Deshalb seien ein Selbstmordattentäter mit einem Lastwagen voller Sprengstoff und ein um sich schießender Kampftrupp eingesetzt worden, der ins Gebäude eindringen wollte. Es sei „ein großes Glück“, dass Deutsche nicht zu Schaden kamen. Damit sei zunächst einmal die Taktik der Taliban gescheitert, grausige Bilder deutscher Opfer zu produzieren, die Politik und Öffentlichkeit in der Bundesrepublik so sehr erschrecken, dass über einen kompletten Abzug der Soldaten aus Afghanistan debattiert wird.

Für die Taliban ist die „Befreiung“ ihres Landes von Vorrang

Die Bundeswehr war bis zum Ende der Nato-Kampagne „Isaf“ (International Security Assistance Force) im Jahr 2014 mit mehr als 5.000 Mann in Masar-i-Sharif und dem gesamten Norden des Landes präsent. Derzeit sind 938 Soldaten im Rahmen der Mission „Resolute Support“ zur Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte aktiv. Makaberes Detail am Rande: Der Chef des deutschen Kontingents, Brigadegeneral André Bodemann, wurde gleich zu Beginn seines Kommandos mit dem Furor der Taliban konfrontiert. Bodemann hatte im Camp Marmal, dem deutschen Stützpunkt in Masar-i-Sharif, nur Stunden vor dem Anschlag die Führung der Soldaten von Brigadegeneral Hartmut Renk in einer kleinen Zeremonie übernommen. Kommentar aus der Bundeswehr: „Das wünscht man sich anders.“

Die Rebellen und die mit ihnen verbündeten Organisationen wie Al Qaida versuchen schon lange, mit gezieltem Terror den Einsatzwillen der westlichen Staaten zu brechen. Die Taliban beschränken sich jedoch auf Afghanistan, während Al Qaida auch auf Anschläge in den USA, Europa und anderen Regionen setzt. Für die Agenda der Taliban ist die „Befreiung“ ihres Landes von Vorrang, nicht der internationale Dschihad. Dass die Rebellen wieder einen Gottesstaat errichten, wie von 1996 bis 2001, halten deutsche Sicherheitskreise jedoch derzeit für wenig wahrscheinlich. Die Taliban verfügten nur über knapp 10.000 Kämpfer, heißt es. Dennoch sei die Lage kritisch.

Das betrifft vor allem den Süden Afghanistans. In der Provinz Helmand sei die Lage prekär, sagen Experten. Die Taliban kontrollierten hier größere Gebiete mit zahlreichen Orten. In Afghanistan insgesamt hätten die Rebellen sogar ein Drittel des Territoriums in ihre Gewalt gebracht. Im Unterschied zum Areal der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in Syrien und Irak beherrschten die Taliban aber kein geschlossenes Gebiet. Doch dort, wo sie die Macht hätten, täten sie alles, um sie zu erhalten. Die Taliban zögen von Ort zu Ort und verlangten von den Dorfältesten, junge Männer für den Kampf abzustellen, sagen Sicherheitskreise. Gebe es Probleme bei der Rekrutierung neuer Kämpfer, würden Strafen angedroht.

Afghanischen Sicherheitskräfte "tun sich sehr schwer"

Die afghanischen Sicherheitskräfte haben große Mühe, sich zu behaupten. „Die tun sich sehr schwer“, sagt ein Experte. Außerdem setzten die Taliban die Unterwanderung von Armee und Polizei fort. Und die Autorität der Sicherheitsorgane werde auch durch die Macht regionaler Warlords geschmälert.

Fachleute nennen weitere Faktoren, die vermuten lassen, dass die Taliban für lange Zeit nicht zu besiegen sind. Die Rebellen profitieren von der enorm wachsenden Produktion von Opium. Im Oktober warnten die Vereinten Nationen, die Opiumernte werde in Afghanistan in diesem Jahr um 43 Prozent steigen. Auf mehr als 200000 Hektar werde Schlafmohn angebaut. Die Pflanze ist die Basis für Rohopium, daraus wird Heroin hergestellt. 80 Prozent des Rohopiums weltweit kommen aus Afghanistan. Für die Vereinten Nationen ist der Vormarsch der Taliban und die Schwächung des Staates ein wesentlicher Faktor für den Opiumboom in Afghanistan. Regionaler Schwerpunkt ist die von den Taliban dominierte Provinz Helmand.

Die Rebellen können zudem weiterhin auf Unterstützung aus Pakistan bauen. Schon seit Jahren klagen Sicherheitsexperten in Deutschland und anderen westlichen Staaten, der Kampf gegen die Taliban sei nicht zu gewinnen und eine Stabilisierung Afghanistans unmöglich, solange der pakistanische Geheimdienst ISI (Inter-Services Intelligence) die Förderung der Rebellen nicht stoppe.

Pakistan befürchtet in eine Sandwich-Position zu geraten

Der ISI und die ihm verbundenen Politiker sehen in den Taliban eine Art strategisches Faustpfand. Pakistan befürchtet, ohne die Rebellen in eine Sandwich-Position zwischen dem Erzfeind Indien im Osten und einem womöglich pro-indischen Afghanistan im Westen zu geraten. Solange die Taliban Afghanistan destabilisieren, kann das Land keine aktive Rolle gegen Pakistan spielen, lautet offenkundig das Kalkül des ISI und der Hintermänner.

Zu den Unterstützern der Taliban zählt auch weiterhin Al Qaida. Das Bündnis der Terrororganisationen sei intakt, sagen Sicherheitskreise. Obwohl die Taliban wegen Al Qaida den Gottesstaat in Afghanistan verloren haben. Die Amerikaner und ihre Verbündeten besetzten 2001 das Land am Hindukusch, nachdem Selbstmordkommandos der Al Qaida am 11. September den Terrorangriff auf die USA verübt hatten. Die Allianz von Taliban und Al Qaida sei auch ein Grund für die nur schwache Präsenz der Terrormiliz IS in Afghanistan, heißt es. Al Qaida und der IS konkurrieren weltweit um die Vormacht in der Dschihadistenszene.

Offen bleibt, wann Masar-i-Sharif wieder zur Ruhe kommt. Die Attacke von Motorradfahrern auf die Bundeswehr nahe dem beschädigten Konsulat könnte ein Signal der Taliban sein, es werde weiter attackiert. „Die Lage ist noch nicht vollständig geklärt“, sagte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

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