Taliban-Chef gefasst : Afghanistan: Feind Nummer eins

Der Taliban-Chef in Kundus wurde gefasst. Er soll auch Morde an deutschen Soldaten befohlen haben.

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Er galt als gefährlichster Feind der Bundeswehr im nordafghanischen Kundus. Ihm werden Raketenbeschüsse auf das deutsche Lager ebenso wie Bombenanschläge auf deutsche Konvois angelastet. Nun wurde Mullah Abdul Salam, der Schattengouverneur der Taliban in Kundus, offenbar aus dem Verkehr gezogen. Dies gab der offizielle Gouverneur von Kundus, Mohammad Omar, bekannt. Demnach wurde Salam vorige Woche in Pakistan geschnappt – zusammen mit dem Taliban-Regenten der Nachbarprovinz Baghlan, Mullah Mir Mohammad.

Damit gelang es dem pakistanischen Geheimdienst ISI, binnen kurzer Zeit gleich drei hochrangige Talibanführer zu verhaften. Etwa zur selben Zeit war auch Abdul Ghani Baradar, der Militärchef der Rebellen und Nummer zwei nach Taliban-Chef Mullah Omar, in der pakistanischen Hafenstadt Karatschi dem ISI und dem CIA ins Netz gegangen.

Salam soll Mitte dreißig sein. Er soll einer der skrupellosesten, aber auch professionellsten Führer der Taliban gewesen sein und bis zu 1200 Leute befehligt haben. Laut „Spiegel online“ macht ihn die Bundeswehr für die Ermordung von drei deutschen Soldaten auf einem Marktplatz im Mai 2007 verantwortlich. Auch bei fast allen anderen Anschlägen soll Salam mitgewirkt haben.

Ob die Festnahme des Taliban-Führers den deutschen Soldaten allerdings eine Atempause verschafft, bleibt abzuwarten. In der Vergangenheit konnten die Taliban Führungsposten schnell wieder neu besetzen. Derweil kündigte der Gouverneur von Kundus, Omar, für die „nahe Zukunft“ auch eine Offensive in Kundus und der Nachbarprovinz Baghlan an. Im südafghanischen Helmand rücken seit Samstag 15 000 Soldaten gegen die Rebellen vor.

Unterdessen wird weiter über die mysteriöse Festnahme von Taliban-Militärchef Baradar spekuliert. Mehrere Medien berichteten, dass Baradar der wichtigste Unterhändler bei seit Monaten laufenden geheimen Gesprächen mit Kabul und den USA über eine mögliche friedliche Lösung in Afghanistan war. Sein Arrest, so meint der pakistanische Taliban-Experte Ahmed Rashid, könne den Gesprächen einen herben Rückschlag versetzen. Rashid vermutet, dass es Pakistans Militär nicht passte, das es von den Friedensgesprächen mit den Taliban ausgeschlossen war, und deshalb Baradar festnahm. Er hoffe, dass Baradar dennoch bald Verhandlungen beginnen könne, sagte Rashid Radio Free Europe.

Deutsche Sicherheitskreise sprachen am Donnerstag von einem weiteren schweren Schlag gegen die Taliban nach der kürzlich erfolgten Festnahme ihrer Nummer zwei, Mullah Baradar. Ob jetzt der Druck auf die Bundeswehr nachlasse, sei aber kaum vorhersehbar, meinten mehrere Experten. Erst müsse man die Schneeschmelze abwarten, üblicherweise nähmen die Aktivitäten der Taliban nach dem Winter deutlich zu. Auch sie erwarten, dass die Rebellen Mullah Salam durch einen anderen Kämpfer ersetzen. Einen Vertreter in der Region Kundus gebe es sowieso, da sich Mullah Salam, wie andere hochrangige Taliban auch, immer wieder für längere Zeit weit entfernt in Pakistan aufgehalten habe. Es bleibe aber unklar, ob Mullah Salam einen „Kronprinzen“ hatte.

Aus mehreren Gründen sei indes eine Schwächung der Taliban in Nordafghanistan zu vermuten, hieß es bei den Fachleuten. Durch den Ausfall eines führenden Kopfes falle für wohlhabende Gönner der Rebellen eine Identifikationsfigur weg. Das wirke sich auf die Spenden aus. Flössen sie geringer, werde es für die Taliban schwerer, Waffen zu kaufen, sagte ein Experte. Außerdem bedeute der Verlust eines erfahrenen Anführers, dass der interne Zusammenhalt durch Gerüchte über Verrat belastet werde und die strategische Planung erschwert sei.

Als besonders auffälliges Beispiel wird die mit den Taliban und Al Qaida verbündete usbekische Terrororganisation Islamische Dschihad-Union (IJU) genannt, von der die Mitglieder der gegenwärtig in Düsseldorf vor Gericht stehenden Sauerlandgruppe dirigiert wurden. Der IJU-Anführer Nadschmeddin Schalolow starb im September beim Angriff einer US-Drohne. Seitdem erscheine die IJU beinahe gelähmt, obwohl im Oktober ein Nachfolger benannt wurde, hieß es in Sicherheitskreisen.

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