Politik : Taliban töten drei deutsche Soldaten

Selbstmordanschlag im nordafghanischen Kundus / Weitere Bundeswehrangehörige verletzt

Antje Sirleschtov

Berlin - Beim schwersten Anschlag auf die Bundeswehr in Afghanistan seit vier Jahren sind am Samstag drei deutsche Soldaten getötet worden. Fünf weitere Bundeswehrangehörige wurden bei dem Selbstmordattentat in der nordafghanischen Stadt Kundus verletzt, zwei von ihnen schwer. Sie sollen am Sonntag nach Deutschland zurückgebracht werden. Nach afghanischen Angaben starben zudem sechs afghanische Zivilisten, 14 wurden verletzt. Zu der Tat bekannten sich die radikalislamischen Taliban.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) reagierte betroffen: „Meine Anteilnahme, mein Mitgefühl gilt den Familien.“ Jung, der wegen des Anschlags eine Privatreise abbrach, betonte, die Bundeswehr werde ihren Einsatz in Afghanistan fortsetzen. „Wir werden weiterhin unsere Aufgabe erfüllen, um zu Stabilität und Frieden in Afghanistan beizutragen“, sagte der CDU-Politiker. Der Anschlag mache deutlich, dass Auslandseinsätze mit großen Risiken für Soldaten verbunden seien. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärte: „Mit großer Bestürzung und tiefer Betroffenheit habe ich von dem hinterhältigen Anschlag erfahren. Dieser perfide Mord erfüllt uns alle mit Abscheu und Entsetzen.“

Nach Angaben afghanischer Behörden ereignete sich der Selbstmordanschlag mit einer Bombe, als die deutschen Soldaten ihr Patrouillenfahrzeug auf dem Markt von Kundus verließen, um einzukaufen. Die Bundeswehr ist im Rahmen der internationalen Schutztruppe Isaf seit 2002 in Afghanistan stationiert, seit 2003 auch im Norden des Landes, der bislang als vergleichsweise ruhiger galt als der heftig umkämpfte Süden. Derzeit zählen 2967 Bundeswehrsoldaten zum deutschen Isaf-Kontingent. Bislang kamen 21 Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan ums Leben, 13 davon gewaltsam. Acht starben bei Unfällen. Die Taliban hatten ihre Angriffe in den vergangenen Wochen verstärkt. Neben schweren Auseinandersetzungen vor allem mit US-geführten Truppen im Süden des Landes, die auch am Samstag anhielten, hatten Taliban zuletzt betont, auch die Bundeswehr gezielt angreifen zu wollen.

Vertreter aller politischen Parteien und der Bundesregierung reagierten am Samstag bestürzt auf die Nachricht aus Afghanistan. Gleichzeitig löste der Anschlag eine neue Debatte über den Sinn der Mission und die Ausrüstung der Bundeswehr aus. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) sprach von einem Vorfall, der zeige, dass jeder Einsatz der Bundeswehr mit Gefahren für Leib und Leben verbunden sei. Die Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Renate Künast und Fritz Kuhn, erklärten: „Es ist ein Attentat, das den Weg des Aufbaus demokratischer Strukturen in Afghanistan zerstören will.“ FDP-Chef Guido Westerwelle sprach von „Trauer um unsere getöteten Soldaten und die Zivilisten“.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) betonte, der Anschlag zeige, dass es in Afghanistan „keine vermeintlich ruhigen oder sicheren Zonen gibt“. Steinmeier unterstrich die Bedeutung der Bundeswehrpräsenz für den Aufbau demokratischer Strukturen in dem Land. „Ohne diese Grundlage würde Afghanistan erneut in Bürgerkrieg und Gewalt versinken“, sagte er. Linksfraktionschef Oskar Lafontaine forderte erneut einen Rückzug der Bundeswehr.

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