Politik : Tallinn will im Denkmalstreit Entspannung

Helmut Steuer

Tallinn - Mit einem massiven Polizeiaufgebot hat die Polizei in der estnischen Hauptstadt Tallinn neue Ausschreitungen gegen die Demontage eines sowjetischen Kriegerdenkmals verhindert. Nach drei Nächten mit teilweise schweren Krawallen, einem Todesopfer, rund 70 Verletzten und mehr als 900 Festnahmen hat sich die Situation beruhigt. Die Regierung versuchte am Sonntag, die Lage weiter zu entspannen. Das Verteidigungsministerium kündigte an, das sowjetische Kriegerdenkmal, dessen Abbau im Zentrum der Hauptstadt in der Nacht zum Freitag massive Demonstrationen zumeist russischstämmiger Jugendlicher ausgelöst hatte, bis zur kommenden Woche auf einem Soldatenfriedhof wieder aufzubauen.

In Tallinn hatte es Gerüchte gegeben, das Kriegerdenkmal sei eingeschmolzen worden. Am Sonntag versicherte Verteidigungsminister Jaak Aaviksoo, dass das Denkmal möglichst bis zum 8. Mai auf einem zentralen Soldatenfriedhof wieder aufgestellt werden solle. Auch ein unter dem Denkmal vermutetes Grab von 15 sowjetischen Soldaten soll umgebettet werden. Eile ist geboten, denn am 9. Mai feiert die russischstämmige Minderheit vor der kleinen Bronzestatue seit Jahren den Sieg der Sowjetarmee über Nazideutschland. Für viele Esten ist das Kriegerdenkmal dagegen ein Symbol für die anschließende, fast 50-jährige Besatzung ihres Landes durch die Sowjetunion.

Auch in anderen Orten des baltischen Landes kam es zu Zwischenfällen: In Narva direkt an der estnisch-russischen Grenze nahm die Polizei 50 Demonstranten fest. In der Stadt leben fast ausschließlich russischstämmige Esten. Auch in Kohtla-Järve, Johvi und Sillamae musste die Polizei nach gewaltsamen Unruhen einschreiten.

Bei den Protesten war am Donnerstagabend ein Jugendlicher durch Messerstiche tödlich verletzt worden. Die estnische Polizei geht davon aus, dass der Mann von einem Mitdemonstranten erstochen wurde. Moskau forderte Aufklärung und warf der estnischen Regierung „blasphemisches und inhumanes Verhalten“ vor. Das Oberhaus des russischen Parlaments forderte Präsident Wladimir Putin sogar auf, die diplomatischen Verbindungen zu der ehemaligen Sowjetrepublik Estland abzubrechen.

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