Politik : Tandem gegen Einrad

Günther Beckstein und Erwin Huber setzen auf ihre gemeinsame Stärke – Horst Seehofer spielt auf Zeit

Robert Birnbaum[München]

Es ist normalerweise ein Klischee und oft ein falsches obendrein, aber an diesem Montag marschieren Erwin Huber und Günther Beckstein tatsächlich Schulter an Schulter die Auffahrt zum Franz-Josef-Strauß-Haus hinauf. Eigentlich wollen sie gar nichts sagen, sondern direkt in die CSU-Vorstandssitzung gehen, die erste seit Edmund Stoibers angekündigtem Abgang. Doch ganz ohne Kommentar kommen die zwei nicht durch die Wand von Kameras. „Wir haben gesagt, wir treten als Tandem an“, sagt Huber, der Wirtschaftsminister, der CSU-Chef werden will. Beckstein, der Innenminister, der Ministerpräsident werden will, schweigt. „Tandem“ klingt trotzig, klingt wie: Entweder nehmt ihr uns beide, oder … tja, oder was?

Der Auftritt verrät einiges über den Stand des bayerischen Erbfolgekrieges, im Hinblick auf die psychologische Kriegführung. Interessant vor allem, wenn man das wortkarge Tandem im Kontrast betrachtet zu dem hochgewachsenen Herrn, der ein paar Minuten vorher ausführlich, wenngleich ebenfalls eher unpräzise zum Stand seiner Bewerbung um den CSU-Vorsitz Auskunft gegeben hat. „Wir werden, wie gestern mit Edmund Stoiber vereinbart, versuchen zu reden, ob ein Miteinander möglich ist“, sagt Horst Seehofer. Ein Miteinander? Seehofer lächelt. Soll die CSU künftig zwei Parteichefs haben? Seehofer lacht. Oder soll die CSU etwa einen monatelangen Führungsstreit aushalten? „Wenn man Diskussionen vernünftig führt“, sagt Seehofer freundlich, „sind sie ein Gewinn.“

Außerdem aber hat der Bundesagrarminister mehrfach das Wort „Ruhe“ benutzt. Es ist der Schlüssel zu Seehofers erster Stufe des Machtkampfs. Der CSU- Vize weiß, dass er bei den Funktionären der Partei keine Mehrheit hat. Seine einzige Chance wäre ein Votum der Basis auf einem Parteitag. Dazu muss er erst mal Zeit gewinnen. Seit ihn die Nachricht kalt erwischte, dass Huber und Beckstein das Erbe Stoibers untereinander aufgeteilt hatten, arbeitet Seehofer daran. Sein Gespräch mit Stoiber am Sonntag dient diesem Ziel – am Montag wiederholt er, dass eine Lösung in den nächsten drei Wochen denkbar sei. Auch die Empörung, mit der Seehofer den Kontrahenten Huber als Hinterzimmerkungler verurteilt, soll verhindern, dass der CSU-Vorstand die Kandidatenfrage kurzerhand per Abstimmung entscheidet.

Ein Zwischenziel, das Seehofer jedenfalls erreicht hat. Als CSU-General Markus Söder nach zweistündiger Debatte vor die Parteizentrale tritt, kann er nicht nur vermelden, dass Edmund Stoiber für seinen Entschluss zum Rückzug „viel menschlich warmherzigen Applaus“ erhalten habe. Der scheidende Parteichef ist obendrein beauftragt worden, bis zur nächsten Vorstandssitzung in drei Wochen in Gesprächen mit allen Beteiligten einen Ausweg aus dem Dilemma zu suchen.

Wie der aussehen soll, ist allerdings allen unklar. Stoiber hat sich ungewohnt schlagfertig um eine Antwort gedrückt: „Ich habe mit allen Gesprächspartnern vereinbart, dass wir pausenlos gut übereinander reden.“ Auch Söders Formeln von „Lösungen, in denen sich jeder wiederfindet“ und vom Ziel „Geschlossenheit“ beschreiben nur das Problem, nicht den Ausweg. Ahnungsvoll denn auch die Formulierung des Generalsekretärs, Stoiber werde in den drei Wochen klären, „ob und wie’s weitergehen soll“. Gut möglich, dass es eben nicht weitergeht. Beide Kandidaten denken nicht an Rückzug. Auf Hubers Angebote, ihm den Verzicht auf die Nummer eins mit einem Sonderposten als „Super-Vize“ zu versüßen, ist Seehofer gar nicht erst eingegangen.

Michael Glos ist darum nicht der Einzige, der schon darüber nachgedacht hat, den Führungsstreit kurzfristig einem Sonderparteitag zur Entscheidung vorzulegen, um der CSU weiteren monatelangen Streit zu ersparen. Am Montag freilich schränkt der Bundeswirtschaftsminister ein: Wenn, dann müsse Stoiber selbst von dem Zeitplan abweichen, den er sich für seinen Rückzug gesetzt hat. Nach der Sitzung ist auch davon keine Rede mehr. Einstimmig hat der Parteivorstand beschlossen, dass der neue Parteichef auf einem Parteitag am 28. September gewählt wird und nicht früher. Seehofer wird das recht gewesen sein – er hat die Zeit, die er haben wollte. Seine Kontrahenten sind aber auch nicht dagegen: Die Aussicht auf einen monatelangen Zweikampf, so ein Kalkül, erzwinge förmlich, das Problem vorher zu lösen – und dann zu Lasten Seehofers. Das Kalkül übersieht indessen, wie wenig sich der Ingolstädter gemeinhin darum schert, als Störenfried dazustehen. Verständlich also der gequälte Ausruf des CSU-Landesgruppenchefs Peter Ramsauer: „Wenn’s so weitergeht, dauert es nicht mehr lange, bis der Ruf erschallt: Edmund, bleibe!“

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