Tanja Dückers : Wo ist unser Obama?

Die Ära Bush verführte viele Deutsche zu einer schlichten, bipolaren Weltsicht. Jetzt, nach der US-Wahl, müssen sie ihr Selbstbild revidieren, meint die Schriftstellerin Tanja Dückers.

Tanja Dückers
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Tanja Dückers.Foto: promo

Für die Deutschen schlägt eine schwere Stunde: die amerikanische Wahl. Die Mehrzahl der Bundesbürger hat sich den Kandidaten der Demokraten als 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewünscht, aber doch bitte keinen „Change“! – keine Irritation ihrer behaglich negativen Sicht auf dieses Land. Denn die Amtszeit von George W. Bush verführte viele Deutsche zu einer bipolaren Weltsicht, die von fast Kalter-Krieg-hafter Schlichtheit war. Mit dem Unterschied: Die beiden Seiten der Medaille waren nicht die UdSSR und die USA, sondern Deutschland oder Europa und Amerika. Dort die Guten, da die Bösen.

Den Republikanern haben wir den Begriff „Altes Europa“ (2003) zu verdanken; er steuerte kein unwichtiges Moment zur eigenen Identität bei. Marsianer und Venusianer dienten ebenfalls als Identifikationsschablonen, und man glaubte mit Durs Grünbein an den Traum des antiken, kultursatten, melancholischen, fortschrittskritischen, liberalen, toleranten, militärisch gänseblümchenhaften Europa – im Vergleich zum vergangenheitsfeindlichen, aggressiven Amerika. Als wäre Europa ein Gedicht. Und Amerika ein Fahnenappell!

Dass dieses europäische Selbstbild mit michelangelohaften Zügen Selbstbetrug war, ist nach dieser Wahl eine nicht mehr zu verleugnende Tatsache. Nun droht ein Ende der europäischen Selbstgewissheit. Die bösen, rassistischen Amerikaner wählen einen Schwarzen mit ziemlich linken Vorstellungen, nicht nur was die Steuerpolitik und das Gesundheitswesen anbetrifft. Den Europäern, die den pejorativ gemeinten Begriff von Rumsfeld in ein vorbildhaftes „Old europe, yes we are!“ gewendet hatten, droht ein Verlust eines Teils ihrer Identität, wenn Amerika sich ändert.

Deutschlands Bildungssystem ist nicht viel besser als das amerikanische, laut Pisa-Studie eins. Toleranter als die USA ist Europa gewiss nicht: Im spanischen Almeria jagen Bürger Marokkaner durch die Straßen, in Italien dachte man auf höchster politischer Ebene daran, auf Flüchtlingsboote das Feuer zu eröffnen, die Zahlen für rechtsradikal motivierte Gewalttaten steigen in Deutschland seit Jahren ebenso kontinuierlich wie erheblich. Und nur, weil es hier keine Todesstrafe gibt, ist das europäische Rechtssystem nicht zwangsläufig dem amerikanischen in jeder Hinsicht überlegen. Militärisch ist Deutschland in den Afghanistankonflikt involviert – ein schon Jahre andauerndes Unternehmen mit fragwürdiger Legitimität und Erfolgsaussicht.

Es liegt auf der Hand, dass das negative Bild der Vereinigten Staaten eine Projektionsfalle war. Immer, wenn in Europa Anlass zur kritischen Überprüfung eigener Entscheidungen und Maßnahmen bestanden hätte, konnte man mit dem Finger nach Westen zeigen: Abu Ghraib, Irak, Lügengeschichten – die Europäer konnten sich stets hinter amerikanischen Negativ-Superlativen zurückziehen und von sich behaupten, sie seien vergleichsweise kleine Engel von der Venus. Aus dem Feindbild Amerika erwuchs in altbekannter bipolarer Weltsicht ein allzu freundliches Selbstbild der Europäer.

Natürlich wird sich unter Obama nicht alles ändern, dennoch wird es für uns ungemütlicher. Wenn die angeblich so reaktionären, rassistischen Amerikaner einen schwarzen Hawaiianer zum Präsidenten wählen, werden wir uns plötzlich fragen müssen: Warum könnte bei uns niemals ein Türke oder Roma mit deutscher Staatsbürgerschaft der nächste Kanzler werden? Weil wir dafür noch nicht „weit“ genug sind, weil wir bei allen Entwicklungen immer 20 Jahre hinter den Amis herstolpern? Sehen wir plötzlich alt aus? Würden wir plötzlich lieber als „young europe“ angesehen werden?

Warum lassen wir toleranten Europäer Jahr für Jahr auf maritimen Hoheitsgebieten flüchtende Afrikaner verdursten, verhungern und ertrinken? Oft nur wenige 100 Meter von unseren schicken Badestränden entfernt? Meinen wir nicht, richtig übel würden Afrikaner oder Afrikanischstämmige nur im rassistischen Amerika behandelt?

Kaum hatten wir „unseren“ Amokläufer in Erfurt, brachten uns die Amis mit ihrem Virginia- Tech-Desaster, bei dem über 30 Menschen von einem einzigen Schüler erschossen wurden, zum Schweigen. Und zum schauderhaft-verzücktem Fingerzeig: So was passiert doch nur in Amerika.

Wie konnte eine deutsche Regierung akzeptieren, dass ein deutscher Staatsbürger mit ihrem Wissen und Einverständnis im von uns unermüdlich angeprangerten Guantanamo für sechs Jahre eingebuchtet wird? Wieso wird so ein Fall nach ein paar Wochen gedämpfter Erregung wieder aus den Medien gekehrt wie eine mäßig spannende Nachricht aus Heidi Klums Privatleben?

In jedem Fall ging es nicht nur für die Amerikaner um eine Wahl, sondern auch für die Europäer: Die einen wählen ihren neuen Präsidenten, die anderen ein neues Selbstbild.

Die Autorin, 1968 in West-Berlin geboren, ist Schriftstellerin. Zuletzt erschienen 2006 ihr Roman „Der längste Tag des Jahres“ und 2007 der Essayband „Morgen nach Utopia“. © Zeit-Online

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