Politik : Tansanias Staatsgründer ist 77-jährig in London gestorben

Christoph Link

Der frühere tansanische Präsident und Staatsgründer Julius Nyerere ist am Donnerstag im Alter von 77 Jahren in einem Krankenhaus in London gestorben. Das gab der tansanische Präsident Benjamin Mkapa im staatlichen Rundfunk bekannt. Im August 1998 diagnostizierten Ärzte bei Nyerere Leukämie. Er wurde seit September in London behandelt. Bei der Bekanntgabe des Todes Nyereres rief Mkapa das Volk auf, "die Einheit in dieser Zeit der Trauer zu wahren". Nyerere habe eine stabile Basis für die nationale Einheit und die Beziehungen zu den Nachbarn gebaut.

Mit seinem Modell eines afrikanischen Dorfsozialismus war Nyerere zwar kläglich gescheitert, im eigenen Volk war er aber überaus beliebt. Anders als viele afrikanische Potentaten pflegte er einen bescheidenen Lebensstil. Vor 14 Jahren war "der Vater der Nation" freiwillig vom Amt des Staatspräsidenten zurückgetreten, um Jüngeren das Feld zu überlassen. Doch in Tansania war es ein offenes Geheimnis, dass der charismatische Nyerere auch von seinem Alterssitz am Viktoriasee aus an den Fäden der Politik zog. In vielen Amtsstuben, Gaststätten und Hotels in Tansania hängt sein gerahmtes Porträt neben dem des amtierenden, eher blassen, Präsidenten Mkapa, manchmal hängt es auch alleine da. Fragt man den einfachen Mann auf der Straße nach Nyerere, kommt meist eine tiefe Verehrung für den Mann zum Ausdruck, der das Land seit seiner Unabhängigkeit 1961 ein Vierteljahrhundert lang regiert hat. Nyerere, so ein junger Touristenführer, sei auch "Mwalimu", auf Kisuaheli "der Lehrer der Nation". Er habe das aus 130 Stämmen bestehende Volk der Tansanier geeint, hier gebe es nicht den sogenannten Tribalismus wie etwa in Kenia.

Nyerere hat eine der für afrikanische Führer im Unabhängigkeitskampf typische Karrieren durchlaufen. Geboren im März oder April 1922 als eines von 26 Kindern eines Häuptlings vom Stamm der Zanaki, studierte er in Uganda und in Schottland, arbeitete nach seiner Rückkehr als Lehrer und heiratete demonstrativ zur Überwindung der Stammesgrenzen ein Mädchen eines anderen Stammes. In den fünfziger Jahren trat der gläubige Katholik der "Tanganyika Association" bei, einer sozialen Organisation für farbige Beamte im britischen Dienst. Diese Vereinigung war der Vorläufer der Partei "Tanganyika African National Union", der TANU, die später jahrzehntelang faktisch eine Einheitspartei in Tansania sein sollte. Als TANU-Chef hatte Nyerere eine Schlüsselposition inne, er führte 1959 in London die Verhandlungen über den neuen, unabhängigen Staat Tanganjika, der später mit der Insel Sansibar zu Tansania vereint wurde.

Nyerere hat es geschafft, dem jungen Staat politische Stabilität zu geben, die bis heute anhält. Auf internationalem Parkett wurde er zu einer gewichtigen, mahnenden Stimme des Südens gegenüber dem reichen Norden: Gemeinsam mit Willy Brandt engagierte er sich in der Nord-Süd-Kommission. Richard von Weizsäcker bezeichnete ihn einmal als "das Gewissen Afrikas". Unter Nyerere fanden zahlreiche Befreiungsbewegungen in Tansania Zuflucht und Unterstützung.

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