Politik : Tante Emma lebt

Auch wenn Discounter in Polen günstig Westwaren anbieten – Dorfläden werben lieber mit echt „polski“

Stefan Jacobs

Küstrin - Ein Sonntag in Küstrin, gleich hinter der deutsch-polnischen Grenze. Im Lidl-Markt studieren Kunden den aktuellen Werbeprospekt. Es gibt einen Rucksack für umgerechnet 13,50 Euro, einen Motorradhelm für 43 und eine Gegensprechanlage für 19 Euro. Das klingt günstig, aber wenn am Montag die Geschäfte in Deutschland wieder öffnen, wird es dort die gleichen Angebote für weniger Geld zu kaufen geben: den Rucksack für zehn, den Motorradhelm für 40 und die Gegensprechanlage für nur acht Euro. Was aus dem Westen importiert wird, ist in Polen ein Jahr nach der EU-Erweiterung mindestens so teuer wie in Deutschland. Das gilt für Weintrauben ebenso wie für Waschmittel und Fernseher.

Begünstigt wird dieser Effekt durch den starken Zloty, der gegenüber dem Euro binnen Jahresfrist um beinahe 15 Prozent gestiegen ist. Die polnischen Produkte dagegen haben ihren Preisvorteil halten können. So kostet das Kilo Kartoffeln bei Lidl ganze 17 Cent.

Noch aufschlussreicher wird die Einkaufstour in kleineren Orten. In Polen lebt Tante Emma noch, trotz zunehmender Konkurrenz. In Slonsk, dem früheren Sonnenburg, 15 Kilometer östlich der Oder, ist der Dorfladen werktags von sieben bis 22 und sonntags von neun bis 19 Uhr geöffnet. Tiefkühlpizzen und Fertiggerichte sucht man hier vergeblich. Dafür gibt es einen Liter Mineralwasser für zehn Cent, ein Kilo Äpfel für 73 Cent und den typisch polnischen Weißkrautsalat für 48 Cent – pro Kilogramm. Ein Pfund Weißbrot ist für 26 Cent zu haben. Das ist günstig, aber ein Blick ins Archiv zeigt: Vor einem Jahr gab’s das Brot noch für 21 Cent. Und die Zeiten, in denen ein Liter Milch oder eine Flasche Bier für 33 Cent zu haben waren, sind ebenfalls vorbei. Nach einer Statistik der Zeitung „Politika“ sind auch Fleisch, Zucker, Wodka und Zigaretten deutlich teurer geworden. Alles in allem sind die Löhne in den vergangenen zwölf Monaten jedoch stärker gestiegen als die Preise.

Gerade bei Naturprodukten wie Obst und Gemüse gilt „Polski produkt“ bereits als Gütesiegel, manche Geschäfte werben offensiv damit. Der Rest ist eine Frage von Geschmack und Geld. „Ich kaufe die Nudeln in Deutschland und die Soße dazu in Polen“, sagt die in Frankfurt (Oder) lebende Aneta Paszkowska, die in einer Preisvergleichsagentur für deutsche Kunden arbeitet. Ihre polnischen Landsleute teilt sie in drei Gruppen ein: Da gebe es zum einen die Wohlhabenden, die gezielt Westprodukte kauften. Kleiner sei die Gruppe derer, die ebenso bewusst polnische Waren bevorzugten. Alle anderen hätten aus Geldmangel keine Wahl. Auch für jene hält der Laden in Slonsk große Auswahl bereit. Ob Chips oder Puddingpulver: Die meisten Produkte sind zweifach vorhanden, einmal aus polnischer und einmal aus westlicher Produktion.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben