Tarek Al-Wazir : Ein Grüner sieht Schwarz

Einst verweigerte der Grüne dem hessischen Ministerpräsidenten und CDU-Chef Roland Koch den Handschlag – heute koaliert er pragmatisch mit der CDU. Tarek Al-Wazir ist offenbar angekommen: an der Macht, im Amt, bei sich.

Christoph Schmidt-Lunau
Tarek Al-Wazir. Der Grüne ist offenbar angekommen im Amt.
Tarek Al-Wazir. Der Grüne ist offenbar angekommen im Amt.Foto: dpa

Es ist ein herzlicher Empfang für Tarek Al-Wazir, Hessens neuem stellvertretenden Ministerpräsidenten und Wirtschaftsminister. Groß-Geraus Landrat Thomas Weil, SPD und sein grüner Stellvertreter sind zur Begrüßung des laut Umfragen beliebtesten Landespolitikers sogar vor die Tür des Landratsamts gekommen. „Tarek“, mit dem sie hier seit langem per Du sind, hat einen Scheck mitgebracht. Die schwarz-grüne Landesregierung beteiligt sich an den Kosten der Sanierung eines Verwaltungstrakts aus den 80er Jahren. Auch der örtliche CDU-Abgeordnete Günter Schork ist gekommen. Bei der Scheckübergabe will er aufs Familienfoto. Schließlich ist er in der Landeshauptstadt Wiesbaden Al-Wazirs neuer Koalitionspartner. Im Kreistag hat seine CDU den Vorschlägen zur Gebäudesanierung zugestimmt. Als ein Journalist scherzt, man habe es mit einer ganz großen Koalition zu tun, widerspricht der sozialdemokratische Landrat: „Wir sind hier rot-grün, und das soll auch so bleiben.“ Da klingt sie an, die Irritation.

Das hatte man sich in der SPD nicht vorstellen können

Viele in der hessischen SPD hatten sich schlicht nicht vorstellen können, dass ausgerechnet Al-Wazir eine Koalition mit der erzkonservativen Hessen-CDU wagen würde, die erste in einem Flächenland. Noch im Wahlkampf hatte der Grüne den Ministerpräsidenten Volker Bouffier als „Rechtspopulisten“ beschimpft. Eine Koalition mit der CDU hatte er „formal“ zwar nie ausgeschlossen, doch stets abgewiegelt. Bei schwierigen Mehrheitsverhältnissen werde es sowieso eine große Koalition geben, so seine Prognose damals. Doch nach der Wahl hatten er und sein Team diskret und zielstrebig einen Koalitionsvertrag mit der CDU vorbereitet. Nach dem Desaster mit der damaligen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti kam für ihn Rot-Rot-Grün ohnehin nicht infrage.

Der 43-Jährige, der einmal Bundesvorsitzender seiner Partei werden sollte, hat sich verändert. Früher kam er in legerem Sakko und mit offenem Hemdkragen. Jetzt trägt er Schlips und Anzug. Darin wirkt er noch schlanker und drahtiger. Die fast ergrauten Haare trägt er kurz. Es sei schön, jetzt gute Ideen auch umsetzen zu können, sagt er. Der Rhythmus seines Superministeriums macht ihm zu schaffen. „Du bist ganz schön vertaktet“, gibt er zu, auch dass er sich nicht habe vorstellen können, wie viele Ansprüche und Erwartungen auf ihn einprasseln. Obwohl ihm viele das Bündnis mit der CDU übel nehmen – seine eigene Zwischenbilanz ist positiv: „Wir fördern den Ökolandbau, für den Hessenforst kommt die FSC-Zertifizierung, mit der neuen Gemeindeordnung haben wir den Spielraum der Gemeinden erhöht, in erneuerbare Energien zu investieren.“ Bei der Vergabe solle künftig auf Tariftreue bestanden werden, dazu würden ökologische und umweltpolitische Kriterien eingeführt. „Wenn unsere Kritiker sagen, ihr macht zwar politisch das Richtige, aber mit den Falschen, muss ich wohl noch mehr Überzeugungsarbeit leisten.“

Bleibt der Flughafen: Al-Wazir weiß, dass er liefern muss

Bleibt die Kontroverse über den Frankfurter Flughafen. In zwei Wochen will der Minister ein Konzept für längere Lärmpausen in der Nacht vorlegen. Mit ökonomischen Argumenten will er den Bau eines dritten Terminals verhindern, nachdem doch ausgerechnet ein grüner Planungsdezernent die Baugenehmigung für das Projekt erteilen musste. Die Flughafenkritiker bleiben skeptisch. Der Minister weiß: Er muss liefern.

Tarek Al-Wazir ist offenbar angekommen in seinem Amt. In der Landessprache seines jemenitischen Vaters bedeutet „Al-Wazir“ Minister. Er, der einst CDU-Chef Roland Koch den Handschlag verweigerte, als der, Ressentiments schürend, vor „Ypsilanti, Al-Wazir und den Kommunisten“ gewarnt hatte, soll nun ein Vorreiter für Schwarz-Grün in den Ländern und im Bund sein? Von einem solchen Trend will der Hesse nichts wissen. Dass in Berlin Grüne über neue Machtoptionen nachdenken, sei jedoch logisch, glaubt Al-Wazir: „Die letzte rot-grüne Mehrheit im Bund gab es 2002. Da kann man doch nicht einfach sagen: Rot-Grün oder nix.“ Christoph Schmidt-Lunau

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