Politik : Tarifstreit: Arbeitskampf gegen den Kanzler

Ausgerechnet zu Ostern, am Gründonnerstag, endet die Friedenspflicht der Tarifpartner in der Metall- und Elektroindustrie. Nun darf gestreikt und ausgesperrt werden. Es geht um die Zwickelsche Forderung von 6,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt für 3,6 Millionen Beschäftigte. Ist das wirklich unmäßig, wie die Arbeitgeber und auch die Regierung besorgt meinen? Und sind so archaische Rituale wie Streiks und Aussperrungen heute noch erforderlich, um am Ende zu vernünftigen Ergebnissen zu kommen?

Gegen eine kräftige allgemeine Anhebung der Tariflöhne spricht vieles: Die Konjunktur liegt noch am Boden. Der Aufschwung ist trotz der jüngsten guten Werte des IFO-Geschäftsklimaindex nur ein Hoffnungswert. Noch ist die Wirtschaft belastet durch drohende große Zusammenbrüche - Holzmann, Kirch oder die Schmidt Bank - und eine Rekord-Flut an Insolvenzen. Die Arbeitslosenraten steigen weiter. Der Produktivitätsfortschritt liegt bei gerade mal 2 Prozent. Aber es gibt auch Firmen wie Porsche, wo die Geschäfte prächtig laufen und die Kassen klingeln. Kein Wunder, wenn deren Mitarbeiter 10 Prozent mehr Lohn fordern. Für Porsche wäre das vielleicht sogar zu stemmen, aber nicht für die Nachbarn in Untertürckheim. Und schon gar nicht für die Werften in Warnemünde und Bombardier bei Halle, denen das Wasser bis zum Hals steht. Dort wären eher Lohnkürzungen angesagt.

Die Abschlüsse, die die Metaller jetzt erkämpfen, werden eine Signalwirkung im Land haben. Deswegen werden auch so große Geschütze aufgefahren. Dieser Tarifkonflikt macht erneut deutlich, wie unsinnig es ist, alles über einen Leisten zu schlagen, extrem unterschiedliche Lagen einzelner Unternehmen gleich zu behandeln. 6,5 Prozent oder auch jede andere Zahl sind für die einen zu viel und für die anderen zu wenig. Der Weg führt deshalb zu Betriebsvereinbarungen, weg von Flächentarifen. Kein Wunder, wenn in Ostdeutschland, wo viele Firmen erbittert ums Überleben kämpfen, die Mehrzahl der Unternehmen sich an den kollektiven Lohnrunden nicht mehr beteiligen.

Nun weiß jeder, dass aus der Forderung, mit der die Gewerkschaften jetzt zur ersten Runde in den Ring gehen, diesmal am Ende etwa drei Prozent werden. Warum dann kostspielige Arbeitskämpfe? Jeder Streiktag in der Metall- und Elektroindustrie gefährdet eine Wertschöpfung von 2,5 Milliarden Euro. Schon die Warnstreiks sind Gift für die betroffenen Unternehmen und die Konjunktur. Warum also dieses Theater, wenn am Schluß doch moderatere Ergebnisse herauskommen?

Die Gewerkschaften lassen ihre Muskeln spielen, damit sie weiterhin ernst genommen werden und der beängstigende Mitgliederschwund gebremst wird. Zwickel und Peters im Ring gegen Bsirske. Wer ist der Stärkste im ganzen Land? Die Arbeitgeber sind nur die Säcke, gegen die sie schlagen. Die aber haben offenbar aus der Vergangenheit gelernt. "Die alten Kampfmodelle", so Arbeitgeberpräsident Martin Kannegiesser, "passen nicht mehr in die heutige Zeit." Deshalb wollen sie auf ihr Kampfmittel Aussperrungen verzichten.

Die Gewerkschaften führen ihren Kampf mit allen Mitteln - diesmal auch gegen die rot-grüne Regierung. Schröders angeblich neoliberaler Kurs schmeckt ihnen nicht. Ihre Mitglieder lassen sich relativ leicht für Streiks mobilisieren, weil sie damit ihren Unmut über die enttäuschenden Ergebnisse der bisherigen Politik ausdrücken können. Jetzt entsteht die Gefahr, dass sie den Kanzler meinen, aber den Aufschwung treffen.

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